Unangenehmer Handel

Lektüre: Ion Luca Caragiale

Eine Osterkerze (1889)

Der Jude Leiba Zibal betreibt in Podeni eine Schankwirtschaft. Sein Zustand ist durch Sumpffieber beeinträchtigt. Es geht auf Ostern zu, und Leiba ist nervös. Denn Georghe – ein Mann, mit dem er «einen sehr unangenehmen Handel hatte», nachdem er ihn davor für Arbeit «gedungen» hatte – hat ihm ein «frohes Wiedersehen in der Osternacht» angekündigt. Seither fürchtet Leiba sich vor diesem «Bedroher», und der christliche Feiertag kommt immer näher. Bald will er mit der Familie nach Jassy (Iasi) gehen, in der großen Stadt erhofft er mehr Sicherheit. Er muss nur vorher diese eine Nacht überstehen.

Caragiale schildert eindringlich die Angst von Leiba («diese Angst, grausiger als die Ermordung selbst»). In seine Fieberträume mischen sich schreckliche Gewaltfantasien, in die wohl kollektivess jüdische Pogromwissen eingegangen ist. Für die Erzählung aber wird individualisiert. Nachdem seine Frau Sura zu Bett gegangen ist, sitzt Leiba allein wachend vor dem schweren Tor und lauscht in die Finsternis. Schließlich macht sich tatsächlich jemand an dem Holz zu schaffen, ein Bohrer wird verwendet, dann eine Säge, und schon greift eine Hand ins Innere, um den Riegel zu entfernen – das ist aber auch der Moment, in dem Leiba eingreift: es gelingt ihm, die Hand «zum Stillstand» zu bringen. Draußen sind die Osterglocken schon ertönt. Es wird Morgen. Sura wacht auf, Leiba ist nicht im Bett. «Etwas Böses geht vor.»

Sie findet ihren Mann vor der Tür sitzen, er hört das «Schmerzgeheul des Unglücklichen» draußen gar nicht mehr, gebannt von dem «Zersetzungsprozess der Hand, die ihn bestimmt nicht verschont hätte». «Ein schwerer Geruch vom verbranntem Fleisch verbreitet sich im Gang.» Die Leute (Gojim) kommen zur Schenke. Sie haben alle eine brennende Osterkerze dabei. Leiba deutet für sie das Geschehen, es ist die Pointe der Novelle: «Leiba Zibel ist ein Goi, denn Leiba Zibal hat Christo eine Kerze angezündet.» Die verbrannte Hand, die sich gegen den Juden erheben wollte, ist diese Pointe – eine radikale Umschrift von Ostermotiven.

Interessant nebenbei, wie Caragiale zeitgenössischen Diskurs über die Figur des Bedrohers einflicht. Mit der Postkutsche kommen zwei Intellektuelle, ein Philosophie- und ein Medizinstudent, sie sprechen über einen wilden Mix an Syndromen: «Atavismus ... Alkoholismus und seine pathologischen Folgeerscheinungen ... Vererbung ... Deformation ... Malaria. Und die Neurosen! ... Errungenschaften der modernen Wissenschaft ... Schließlich die Rückfälligkeit! ... Darwin ... Haeckel ... Lombroso.» In den Untertiteln von Holy Week von Andrei Cohn (der neueren von zwei mir bekannten Adaptionen der Novelle) taucht der Begriff Involution (als Umkehrung, Inversion, der Evolution auf – vermutlich entspricht er dem, was hier mit Rückfälligkeit übersetzt wurde). Caragiales Novelle erschien 1889, sie steckt tief in zeitgenössischen Versuchen, das «Böse» zu verwissenschaftlichen, und ist zugleich eine höchst effektvolle Miniatur über berechtigte jüdische Paranoia.

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