Schwache Verben

Neues über einen Wunsch von Kafka

Als ich klein war, musste auch ich im Fasching gelegentlich die Frage aller Fragen beantworten: „Als was gehst du?“ Das Repertoire der möglichen Antworten war nur theoretisch endlos. Einmal gingen wir im Fußballverein als Wikinger, das heißt, der SV Windischgarsten, bei dessen Knaben ich damals Linksverteidiger spielte (also einen oberösterreichischen zehnjährigen Phil Neal), nahm an einem Faschingsumzug mit einem Wagen teil, auf dem wir ein Männervolk darstellten, das wir später in den Asterix-Heften genauer kennenlernten. Von dieser Verkleidung ist mir noch in Erinnerung, dass irgendjemand frisch abgeschnittene Kuhhörner mitbrachte, mit denen wir dann Helme bastelten.

Der Wikinger traf vermutlich mehr von unserer Kindheit als die andere Verkleidung, an der mir viel mehr lag: wenn schon „als“ jemand anderer gehen, dann aber richtig. Also als Indianer. Für mich war Indianer damals eine Vorstellung in einem binären Code, der durch das Greenhorn etabliert wird, aus dem in Karl Mays Winnetou-Büchern der weiße Westmann Old Shatterhand wird. Beim Lesen war ich Old Shatterhand, in Pichl, zwei Kilometer von mir daheim entfernt, gab es eine Nscho-Tschi, bei der ich als Winnetou keinen Auftrag gehabt hätte, denn dann wäre ich ja ihr Bruder gewesen.

Ich ging also nur einmal als Indianer, zu einer Zeit, als ich noch nicht lesen konnte.


Kürzlich gab es in Deutschland einen kleinen Aufruhr, weil eine Kita in Hamburg den Kindern mitgeteilt hatte, dass es „verletzend“ wäre, sich als Indianer (oder als Scheich) zu verkleiden. Die Bild ließ das Gebäude fotografieren und erfand das Wort „Gaga-Verbote“. Eine weniger nervöse Zeitung informierte wenigstens über den politisch korrekten Begriff, von dem die Kita-Leitung ausgeht: „vorurteilsfreie Kostüme“. Man muss das nur zweimal lesen, um sich zu fragen, ob das nicht eine contradictio in adiecto ist.

Passenderweise ist gerade ein kleines Buch über den berühmtesten aller Begierde-Indianer erschienen: Franz Kafka. Von ihm gibt es diesen Text:

Wunsch, Indianer zu werden.
Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitterenden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf

Ein Prosastück, von dem Glenn W. Most meint, dass Kafka sich große Mühe gegeben hat, „einen grammatisch defekten Satz zu konstruieren“. Oder, in einer passenden Formulierung, auch von Most: ein Satz, in dem fliegend die Pferde gewechselt werden.

Christian Benne benennt den Unterschied zwischen den beiden Satzteilen so: „In der einen Version ist der Reiter der Zügellosigkeit ausgeliefert, in der anderen ist er selbst Agens des Verzichts.“ Benne beginnt seinen kleinen Text nebenbei mit der zutreffenden Feststellung: „Indianer ist kein Ausbildungsberuf.“

Der Band zu den 65 Wörtern von Kafka ist gerade einmal sechzig Seiten lang, versammelt aber jede Menge Scharfsinniges unter Aufbietung von Kleist, Brentanismus und natürlich Karl May. Mittendrin ist auch ein Text von Daniel Kehlmann, der von der galoppierenden Geschwindigkeit ohne großen Übergang zur „Beschwörung des sicheren, traumverlorenen Kinderspiels auf einer gemähtem Wiese“ kommt, und damit für meine Begriffe eher auf sich und sein eigenes Literaturverständnis als auf Kafka.

Sehr schön ist auch noch der Vorschlag von Dagmar Leupold, der Wunsch wäre nicht in einem anakoluthischen Wechselspiel zwischen Indikativ und Konjunktiv verfasst (unter Zuhilfenahme der morphologische Zweideutigkeit des Deutschen, das bei schwachen Verben für den Konjunktiv zwei den Indikativ Präteritum nimmt, worauf Glenn W. Most hinweist), sondern in einem Evanitiv (Leupold verzichtet auf eine Übersetzung, dabei liegt die naheliegende in ihrer Schönheit doch offen zutage: Verschwindensform).

Leupold hat in den Tagebüchern auch noch eine Stelle gefunden, die sich wie ein Double des Indianer-Wunsches liest: „Wenn Rohwolt es zurückschickte und ich alles wieder einsperren und ungeschehen machen könnte, so daß ich bloß so unglücklich wäre, wie früher.“ Darauf könnte man vielleicht antworten: schwache Verben lassen sich nicht einsperren.

Wunsch, Indianer zu werden. Versuche über einen Satz von Kafka, hrsg. von Christoph König und Glenn W. Most, Wallstein 2019

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