Unter dem Gesetz

"Die jüdische Orgel" von Ludwig Winder

Eines meiner großen Leseerlebnisse in 2014 war Ludwig Winders Roman Der Thronfolger. Ich habe nun noch ein wenig bei diesem Autor weitergelesen, der zu dem Kreis um Max Brod gehörte, und bin dabei auf den 1922 erschienenen, deutlich kürzeren Roman Die jüdische Orgel gestoßen, der nicht minder großartig ist, allerdings in seiner expressionistischen Intensität einen deutlich anderen Tonfall hat.

Die Geschichte eines jungen Mannes namens Albert lässt sich als neurotische, jüdische Zwangssozialisation lesen: durch seine Geburt in die Familie eines extrem leibfeindlichen Rabbiners wird hier jemand von seinem Begehren ferngehalten, aber „die verhaltene Sinnlichkeit vieler Geschlechter schreit in mir auf“. Die Mutter liest Heine, der Vater kennt nur „die enge Bank der Hebräischen Schule“, der Sohn regiert mit „Platzfurcht“ auf seine Ausbildung, die ihn vom Leben weg- und dem Gesetz zuführen soll, und die Winder drastisch beschreibt: „lange, schmutzige Bärte, unersättliche Augen, übelriechende Mäuler über entheiligten Büchern“.

Albert holt sich in der Hurengasse ein erstes sexuelles Erlebnis. „Gleich ins erste Haus trat er ein. Die Tür stand offen, im Vorhaus kniete im Hemd ein massiges Weib, über den Fußboden sauste eine Bürste, ein Kübel Wasser stand nebem dem Weib. Alles sah Albert überdeutlich, den großen Schwung der roten Arme, die wuchtigen Beine, den breiten gelben Nacken. Über die Schwelle wälzte sich das ungeheure Tier, endlich stand es auf.“ Trotz der nicht eben idealen Voraussetzungen gelingt der Akt, „ein wildes Tier stöhnte auf, ein begnadigter, erretteter Mensch. Welt war unendlich aufgetan.“

Der Rest des Buches erzählt davon, wie sich die unendlich aufgetane Welt wieder verschließt, weil Albert dem Gesetz (und seiner Auserwähltheit) nicht entkommt, und wie er am Ende als „Hausierer mit Reinheit“ in das Rabbinat und das väterliche Amt einwilligt, vor dem er mit aller Macht seiner Triebe Reißaus genommen hat - von Prag nach Wien, in die Beziehung zu einer unbegabten Schauspielerin namens Etelka, in die wahllose Lust: „Hemmungslos gab er sich fieberndem Rauschleben hin. Bei Tag ging er nicht mehr aus, die sommerliche Großstadt widerte ihn an. Am Abend, wenn kleine Ladenmädchen, Putzmacherinnen, Kontoristinnen durch die Straßen gingen, verließ er das Haus, Geld bauschte seine Brieftasche, käuflich ist die Welt, käuflich ist der Mensch, zwinkerten seine Augen. Jede Scheu verlor er, nichts schreckte ihn ab, keine Zurückweisung beleidigte ihn. Einen unerschöpflichen Kübel stinkender Zoten, Frechheiten, Unverschämtheiten schüttete sein Mund aus, am liebsten hätte er sich in einen Neger verwandelt, um die Weiber nach denen er lechzte, zu erschrecken.“

Aber auch in diese vermeintliche Befreiung, in die Winder ein anstößiges, für uns als rassistisch erkennbares Motiv einbaut, ist Albert nicht eigentlich Individuum, sondern Stellvertreter: „Nun erst lebe ich ein wahres Leben, dachte er, ungesund war die Hemmung, zu der ich mich zwang, deshalb lachte man mich aus, deshalb hielt man mich für minderwertig. Jetzt erst komme ich zu mir, alle meine Ahnen mache ich frei, herausströmen sie aus tausendjährigem Kerker, aufspringt der Springbrunnen tausendjährigen Bluts, rein oder unrein, es lebt, es soll düngen die Welt, es soll ausfüllen die Welt.“

Der Ausbruch von Albert steht im Zeichen einer doppelten "Geschlechtlichkeit". Er will sein Judentum sexuell überwinden, und gerät gerade so umso stärker unter das Gesetz. "Verscheuchen wollte er die Erinnerung, der Erste und der Letzte eines neuen Geschlechts wollte er sein, eines Geschlechts ohne Namen und ohne Glauben und ohne Zucht, eine Rasse für sich wollte er sein, alle andern zu höhnen, zu schänden, zu verneinen.“

Winder lässt in der Schwebe, ob Albert das rabbinische Judentum, dem er sich (in einem Akt, der den Widerstand letztendlich als resignierende Aggression gegen sich selbst richtet) wieder unterwirft, so hasst, weil es ihm die Sinnlichkeit verdorben hat, oder ob er gerade in seiner Obsession eigentlich „jüdisch“ wird.

Ludwig Winder: Die jüdische Orgel, Residenz Verlag 1999

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