Kommando der Liebe

César Aira lesen (4): "Der Beweis"

„Wollen wir ficken?“ Mit diesem ersten Satz kann sich ein Autor ziemlich sicher sein, das lesende Publikum zu „kriegen“. Die übliche Neugierde am Beginn eines Texts (wer spricht? wo sind wir? was lässt sich der Autor einfallen?) bekommt gleich einmal ein doppeltes Ziel. Ich will die Figur kennenlernen, die sich so direkt äußert, und ich will wissen, ob es danach auch tatsächlich zum Äußersten kommt, wie eine andere sprachliche Umschreibung des mit „ficken“ ja ein wenig derb benannten Vorgangs lautet. In César Airas Novelle Der Beweis (La prueba) kommt der Satz „Wollen wir ficken?“ aus dem Gewimmel auf einer belebten Straße in dem Viertel Flores in Buenos Aires. Marcia ist hier unterwegs, in „einer Welt von Jugendlichen“, inmitten einer „Ladung frei flottierender Signifikanten“, zu denen dieser erste Satz auch gehört. Marcia „lief in den Glanz ihrer sechzehn Jahre gehüllt“, sie ist „blond, untersetzt, halb Kind, halb erwachsen“. Eine Jungfrau inmitten von Zeichen der Verführung, heißt es später auch noch über sie.

Marcia wird von zwei Punks angesprochen: Mao und Lenin. Mao bezeichnet Lenin als „meine Frau“, weist aber das Wort Lesbe zurück. Marcia kann sich Sex ohne Liebe nicht vorstellen. Mao erhöht sofort den Einsatz: „Weißt du, was Liebe ist?“ Lenin schiebt nach: „Hättest du Lust auf einen Dreier?“ Marcia ist die Figur, die bereit ist für eine Veränderung. Die Begegnung mit den zwei Punks könnte für sie eine Initiation werden. „Die Atmosphäre hatte sich verändert, die Last der Wirklichkeit. Nicht weil sie wirklicher oder unwirklicher geworden wäre, sondern weil es schien, als könne nun alles passieren. Und vorher nicht? Vorher war es, als könne rein gar nichts passieren.“ Marcia hängt aber noch an der Last der Wirklichkeit.

Als Mao ihr eine abstruse Geschichte über ein Ohrgehänge aus vier Smaragden erzählt, das ein junger Mann trägt, der zu Pierrot Lunaire (dirigiert von Pierre Boulez und gesungen von Helga Pilarczyk) tanzt, will Marcia Genaueres wissen. Sie denkt auch an die Band Television und ihren Sänger Tom Verlaine, lässt also erkennen, dass sie sich mit Musik gut auskennt. Und als sie wissen will, worauf Mao und Lenin „stehen“, bekommt sie die einzige Antwort, die in diesem Moment wirklich Punk ist: „Wir stehen auf gar nichts.“ Selbst Freddy Mercury ist „bescheuert“. Marcia ist schockiert über diesen „Nihilismus“, aber auch angezogen von den beiden Frauen, mit denen sie dann in ein Fastfood-Lokal geht.

Aira bewegt sich mit den „frei flottierenden Signifikanten“ zu einem großen Finale. Nihilismus führt zu der Frage nach den Grenzen des Erlaubten: „Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt. ... Wenn alles erlaubt ist ... Dieses Sprichwort hat keinen zweiten Teil. Tatsächlich, denn wenn alles erlaubt ist ... was dann?“ Liebe fragt nicht nach Erlaubnis. Liebe sucht nach einem Beweis, der alles in den Schatten stellt. Mao bringt diesen Liebesbeweis in einem Supermarkt namens Disco, in dem Marcia „das fantastische Potential der Verwandlung“ erlebt. Nicht nur sie: eine zufällig anwesende Frau wird in diese explosive Verwandlung mit hineingenommen. „Sie wurde zum Tier, zu allen Tieren gleichzeitig, zum Tierschauspiel, bei dem ihr die Käfigstäbe wie Stacheln aus jedem Winkel des Körpers herausstaken, zum orchideenüberwachsenen Tierdschungel.“

Die Welt anzünden: so sagt man manchmal, wenn Gefühle überschießen. Mao und Lenin zünden für und mit Marcia die Welt an. Aus der provokanten Frage zu Beginn wird tatsächlich ein „Dreier“, allerdings verwandelt sich auch die sexuelle Fantasie. Die kleine Erzählung endet mit einer Apotheose, mit einem Heiligenbild, das nur kurz aufleuchtet, bevor sich der Text, der sich vielleicht am ehesten als eine Punk-Epiphanie verstehen ließe, wieder in den Straßen von Flores verliert.

César Aira: Der Beweis. Aus dem Spanischen von Klaus Laabs, Matthes & Seitz (Bibliothek César Aira Band 2) 2015

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