Eine blitzschnelle Romanze

Lektüre: "Die Manon Lescaut von Turdej" von Wsewolod Petrow

Im Frühling nach dem langen Corona-Lockdown, der im November 2020 begonnen hatte, ging ich ein paar Mal zu Fuß von Kreuzberg bis in den äußeren Prenzlauer Berg. In der Nähe der S-Bahn lebt dort die Filmemacherin Tamara Trampe, mit der ich für die Zeitschrift CARGO. Film Medien Kultur ein langes Gespräch führte. Aus Anlass unserer Begegnung schenkte sie mir ein Buch, eines ihrer Lieblingsbücher, wie sie sagte: Die Manon Lescaut von Turdej von Wsewolod Petrow. Eine Geschichte aus dem Großen Krieg, erzählt von einem Offizier, der sich in die junge Krankenschwester Vera verliebt, und sie sich in ihn. Viele Szenen spielen in einem Zug, der auf einem langen Umweg zu einer unklaren Front ist, zeitweise scheint das Oberkommando die Einheiten schon vergessen zu haben, denn irgendwann gegen Ende heißt es: Man erinnerte sich wieder an uns. Die Figuren teilen sich den engen Raum im Zug, alle drängen um den Ofen, die Stimmung ist gut („in unserem Waggon endete sowieso alles mit Liedern“), es gibt aber auch Momente der Todesangst, wenn Bomben fallen.

Ich musste an Szenen aus Alexei Germans Zwanzig Tage ohne Krieg denken (einem meiner absoluten Lieblingsfilme), in dem es eine lange Zugfahrt nach Taschkent gibt, in einen Fronturlaub. Auch Bohnenstange, die Figur und der Film von Kantemir Balagov, stellte sich als Assoziation ein, als eine denkbare Schwester von Vera. Im Kern ist die Liebe zwischen dem Erzähler und Verotschka eine klassische Frontromanze: ein älterer Vorgesetzter und ein junges Ding, das an „blitzschnelle“ Beziehungen gewöhnt ist. Die Geschichte ist aber in hohem Maß ästhetisch aufgeladen. Denn Vera erscheint dem intellektuellen Erzähler wie eine Romanfigur, und in der Manon Lescaut aus dem Roman des Abbé Prevost und der Oper von Puccini findet er das Vorbild, dem entsprechend er sich Vera vorstellt, oder dem entsprechend er Vera liebt: Sie wird durch „Metempsychose“ zu Manon, zu einer Frau, deren wahre Berufung die Liebe ist, eine Frau, „die für die Liebe geschaffen ist“.

Der Erzähler lädt diese Liebe auch noch mit Reflexionen über Klassizität und Romantik auf. Klassisch sind für ihn Goethe, Mozart und Puschkin, Menschen der Form. „Vera ist aus dem Stamm der flammenden Menschen, die außerhalb der Form leben“, sie zerstört also im Grunde durch Liebe seinen Traum vom Glück, das er sich „irgendwie goethisch“ vorstellte, „gleichmäßig und endlos, als ein Resultat von Wissen, Schaffen und Freiheit. All dies verschwand neben Vera“. Sie macht aus ihm einen „Gottesnarr“ (jurodiwyj). Vera bekommt durch ihn (durch die Liebe, durch den Text) „ein Schicksal“ und wird für ihn zum Schicksal.

In einem Nachwort wird dann noch aufgeschlüsselt, wie sich das alles auf das Kulturleben in der Sowjetunion nach dem Krieg beziehen lässt. Petrow schrieb das Buch gleich danach, auch als Reaktion auf einen zeitgenössischen Bestseller von Wera Panowa, die mit Weggenossen die Fronterfahrung brav nach den Vorschriften des Sozrealismus aufgeschrieben hatte. Die Manon Lescaut von Turdej aber ist ein subversives Buch, auf dessen Veröffentlichung der Autor verzichtete, weil er sowieso keine Chance dafür sah (erst 2006 kam das Buch schließlich in Russland heraus). Zu deutlich waren darin die für die sowjetische Kulturbürokratie unerträglichen Zeichen, die auf „fremdartige Interessen und Geschmäcker“ (also in diesem Fall vor allem Goethe und die Romantik) hindeuteten, und die russische Moderne kurz vor der Oktoberrevolution im Gedächtnis hielten. Oder sogar noch dahinter: ein profundes Russland, für das die Landschaft von Turdej (mit ihren Bezügen zu Puschkin und Leskow) steht.

Die Manon Lescaut von Turdej lässt sich also auf vielen verschiedenen Ebenen lesen, ist sicher auch mit seiner „russischen“ Geschlechterpolitik ein bisschen altmodisch oder zeitbedingt. Es ist aber auf jeden Fall ein ganz wunderbares Buch, für das ich Tamara Trampe sehr dankbar bin.

"Die Manon Lescaut von Turdej" von Wsewolod Petrow erschien auf Deutsch im Weidle Verlag und als Taschenbuch bei dtv

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