Durch die Wüste

Exodus und Revolution von Michael Walzer

Die Geschichte von Moses war eines der ersten großen Bildereignisse in meinem Leben: eine aneinander geklebte Reihe von Buntstiftzeichnungen, auf der wir, im katholischen Religionsunterricht angeleitet von einem aus Jugoslawien importierten Kaplan, vom Bastkörbchen bis zum Roten Meer alles schön nach unseren Vorstellungen veranschaulichten. Mit dieser Kindheitserinnerung mag es zu tun haben, dass ich auf Ridley Scotts Exodus - Götter und Könige ziemlich neugierig war. So neugierig, dass ich nebenbei auch noch ein wenig Lektüre getrieben habe, zum Beispiel habe ich Michael Walzers Exodus und Revolution gelesen.

Dort findet sich das Detail, dass Thomas Jefferson 1776, als es darum ging, was auf dem Amtssiegel der neuen Vereinigten Staaten von Amerika zu sehen sein sollte, vorschlug, die Kolonne der Israeliten zu nehmen, die, geführt von GOTTES Wolken- und Feuersäulen, durch die Wüste marschiert. Das ist ziemlich genau das Schlussbild bei Scott, wobei ich jetzt nicht mehr im Detail im Kopf habe, ob er die Wolken- und Feuersäulen auch zeigt. Ein Detail am Rande, nicht so wichtig.



Mich hat interessiert, wie sich ein progressiver, jüdischer Intellektueller wie Walzer die Exodus-Tradition zu eigen machen kann, wenn er nicht an Gott glaubt, wodurch auch der Begriff eines auserwählten Volkes problematisch wird. Wer waren die Israeliten, wenn man nicht einfach von einem Auszug einer Gruppe von Sklaven ausgeht? „In Ägypten sind die Israeliten nur insofern ein ,Volk’, als sie Stammeserinnungen teilen - oder, was wichtiger ist, soweit sie die Erfahrung der Unterdrückung teilen. (Der Pharao selbst benutzt als erster das Wort ,Volk’, um sie zu beschreiben.)“ (85)

Walzer findet eine überzeugende Lösung für dieses Problem, dass ein revolutionäres Subjekt eigentlich nicht ethnisch bestimmt werden sollte: Es sind erst die Erfahrungen, die das Volk Israel auf dem Weg des Exodus macht, die es zu einem Volk werden lassen, an das man später anschließen kann - zum Beispiel die Sklaven in der Moderne, oder die Theologie der Befreiung in Lateinamerika.

Das entscheidende Ereignis ist zutiefst theologisch verfasst, und doch am leichtesten zu säkularisieren. „Der Bund ist ein Gründungsakt, der neben der alten Stämmevereinigung eine neue Nation aus willigen Mitgliedern schafft.“

Im Bund unterwirft sich das Volk unter das von Gott erlassene Gesetz, ein Gesetz, das Walzer im übrigen relativ unbestimmt lässt, sieht man einmal von den vielen Bestimmungen des „Fremdenrechts“ ab, die das mosaische Gesetz enthält. „Der Bund spiegelte das wider, was wir zweckmäßigerweise den allgemeinen Willen der Israeliten nennen können, aber dies war ein allgemeiner Wille, der sich - nach guter Rousseauscher Art - aus dem Willen unabhängiger, nicht miteinander in Verbindung stehender Individuen zusammensetzte.“ (89)



Die Freiwilligkeit unterwirft den Bund dann auch einer Vorläufigkeit, in der vielleicht sogar das wichtigste Moment der revolutionären Politik liegt, die Walzer beschreibt: „Da die Gesetze nie völlig befolgt werden, wird das Land nie völlig in Besitz genommen. Kanaan wird Israel, und bleibt trotzdem das Land der Verheißung.“ (109) Das bedeutet, wenn man es sehr direkt auf die gegenwärtige Situation in Palästina umlegt, dass nicht in Inbesitznahme des Landes (des Tempelbergs oder einfach weiterer Gebiete im Westjordanland) die Erfüllung der Verheißung liegt, sondern in der besseren Erfüllung des Gesetzes. Walzers Buch ist antimessianisch oder (auf die christlichen Chiliasten bezogen) antieschatologisch bis in die häufigen zirkulären Formulierungen hinein: „Das Land würde nie das sein, was es sein könnte, bis seine neuen Bewohner all das waren, was sie sein sollten.“ (109)



Was wird das Land sein? Das beschäftigt inzwischen die ganze Welt. An einer Stelle wird Walzer ganz konkret: „Der Sieg von 1967 stellte religiöse Juden vor eine schwierige Wahl. Sie konnten die neueroberten Gebiete gegen jede Opposition in Beschlag nehmen und die Eroberung so betrachten, als erfülle sie Gottes Verheißung Abraham gegenüber; oder sie konnten sich des Exodus-Gebots erinnern - ,Die Fremdlinge sollt ihr nicht unterdrücken; denn ihr wisset um der Fremdlinge Herz, dieweil ihr auch seid Fremdlingen in Ägyptenland gewesen.’ - und sich um einen politischen Kompromiss bemühen.“ (148)



Im letzten Absatz des Buches führt Walzer die revolutionäre Politik dann wieder an den Anfang zurück. Wir müssen annehmen, „dass wo immer man lebt, wahrscheinlich Ägypten ist“. Die Geschichte mit Verheißung, Exodus und Bund kommt also niemals definitiv voran, das wäre dann ja schon ihr Ende, wäre Messianismus. Walzer unterschlägt allenfalls eine Facette des Gesetzes: es wird auch deswegen immer nur vorläufig erfüllt, weil ja umstritten ist, worin es genau besteht, oder wie es zu lesen ist. Er hat eine Lektüre vorgelegt, die nicht zuletzt deswegen großartig ist, weil sie sich um die theologischen Probleme nicht drückt, sondern sie im besten Sinne löst.


Michael Walzer: Exodus und Revolution, Rotbuch Rationen 1988 (Original: 1985)

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