Blutleuchte des Altertums

Lektüre: «Herrn Dames Aufzeichnungen» von Franziska zu Reventlow

Als ich 2015 mit dieser Seite angefangen habe, da galt einer der ersten Einträge einem Roman von Franziska (Fanny) zu Reventlow: Auf Der Geldkomplex war ich durch eine Filmadaption gestoßen, die damals im Forum der Berlinale lief. Seither hatte ich immer vor, mich mit dem weiteren Werk der norddeutschen Schriftstellerin (1871 - 1918) zu beschäftigen. Nun bin ich einen Schritt weiter, auch dank einer inzwischen auch schon wieder vier Jahre alten Neuveröffentlichung aus dem österreichischen Milena Verlag: Herrn Dames Aufzeichungen. Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil erschien erstmals 1913. Besagter Stadtteil ist Schwabing in München, die Stadt, in die Franziska zu Reventlow für ein «voreheliches Maljahr» kam – ihr designierter Mann, ein Gerichtsassessor in Hamburg, hatte offensichtlich Verständnis für ihren Freiheitsdrang und ihre Neigung zur Kunst. Reventlow traf in Schwabing auf eine Boheme, zu der einige bis heute geläufige Figuren zählten: der Dichter Karl Wolfskehl, der Flaneur Franz Hessel, am Rande auch Stefan George, vor allem aber der Philosoph Ludwig Klages. Von ihnen allen lässt sie in Herrn Dames Aufzeichnungen einen «jungen Mann» aus Berlin erzählen, auf dessen Außenseiterposition sie ihre eigene (heimliche) Distanz sehr gut verschieben konnte.

Sie erfand einen männlichen Beobachter und Erzähler, für den sie selbst zur Figur wurde – sie verbirgt sich (kaum) hinter Susanna und Maria, zwei der Frauen in Wahnmoching. Damit ist das Codewort genannt, das in Herrn Dames Aufzeichnungen für Schwabing geläufig ist: «Wahnmoching ist eine geistige Bewegung, ein Niveau, eine Richtung, ein Protest, ein neuer Kult, oder vielmehr der Versuch, aus uralten Kulten wieder neue religiöse Möglichkeiten zu gewinnen.» Nicht zuletzt unter dem Einfluss von Nietzsche sowie des Vorzeitphantasten Bachofen werden in Wahnmoching intensive Diskussionen über eine «kosmische» Erneuerung des Lebens geführt, und bei häufigen Festen wird die Repaganisierung auch ausprobiert. Herr Dame protokolliert brav den ständigen höheren Blödsinn, der allerdings in der geistigen Atmosphäre der Zeit konkrete Wurzeln hatte: was am Christentum noch lebendig ist, «das ist Rom, das ist die Blutleuchte des Altertums, die Blutleuchte Roms – (Blutleuchte, ein wunderbares Wort, aber was mag es bedeuten? Ich warf dem Philosophen einen flehenden Blick zu, und er winkte beruhigend: später, später.)» Der Philosoph, das ist Klages, die Autorität, das Orakel, der Deuter. Bei Musil ist er eine der verschlüsselten Figuren rund um seinen Helden Ulrich.

Für eines meiner längerfristigen Projekte relevant ist eines der Mythologeme der Wahnmochinger: Sie beziehen sich auf den antiken Gott Moloch, um eine Zeitdiagnose zu erstellen. «Moloch, Herr Dame, wie Sie vielleicht wissen, war ein unangenehmer Götze, der sich von kleinen Kindern nährte, mithin also das Lebendige, Hoffnungsvolle verschlang. Molochitisch bedeutet daher in gutem wahnmochinger Jargon alles lebensfeindliche, Lebensvernichtende – kurz und gut, das Gegenteil von kosmisch. Man wandte nun in unserem Stadtteil mit Vorliebe diesen Gegensatz auf die Rassensubstanzen an und gelangte zu dem Resultat: Die Arier repräsentieren das aufbauende, kosmische Prinzip, die Semiten dagegen das zersetzende, negativ-molochitische. Zu merken ist hierbei noch, dass ebendie Substanzen sich im Laufe der Zeiten nicht rein erhalten haben und vielfach vermischt sind.» In diesem Zitat sieht man sehr gut, wie weit sich die Szene, in der Franziska zu Reventlow damals in München unterwegs war, in den geistigen Stereotypen der Zeit verfing, die im Buch aber eben auch deutlich als solche deutlich werden. Auch die Vernunft gilt in Wahnmoching als «molochitisch», wird also «in den Bann getan», was der Philosoph aber immerhin für «bedenklich» hält.

Maria bekommt (wie Franziska zu Reventlow 1897 auch) ein uneheliches Kind, hält aber an der bacchantischen Grundstimmung («Müde? Oh, das geht vorbei») fest, somit «stellte sie das gelöste Problem Mutter und Hetäre dar und wurde sehr gefeiert» (nach der Wahnmochinger Bachofen-Rezeption ist «der Hetärismus die früheste Lebensform», also auch die heidnischste). Mutter darf eine Frau demnach nur werden, wenn sie danach ordentlich weiterfeiert. Die Auflösung in das Karnevalskollektiv ist kosmischer Anspruch: «Wenn es wirklich das Ziel dieses Stadtteils ist, dass jede Individualität aufhört, jedes Einzelleben sich an eine Allgemeinheit verliert – so konnte es wohl für erreicht gelten.»

Nicht nur bei Herrn Dame sind allerdings zunehmend Ermüdungserscheinungen zu erkennen. Selbst Maria bemerkt, dass beim ständigen Feiern auch «unwürdige Subjekte und unechte Räusche» auftreten. Und Herr Dame befürchtet Monotonie: «Man kann doch nicht jedes Kapitel mit einem Karnevalsfest beginnen lassen – das kommt mir unkünstlerisch vor.» Eine beiläufige Figur, ein Verehrer von Maria, hatte schon Mitte des Romans die Spannung zwischen Überspanntheit und Alltag sehr schön benannt: «Im Frack kann man nicht dionysisch taumeln, sehen Sie, Herr Dame ... Was hab’ ich davon, wenn ich abends dionysisch herumrase, mir wie ein Halbgott vorkomme und am nächsten Morgen doch wieder mit der Trambahn in mein Bureau fahren muss, ich bin nämlich Rechtspraktikant.»

So laufen Herrn Dames Aufzeichnungen darauf hinaus, dass sich auch im Leben der härtesten Heiden irgendwann ein entzauberter Alltag durchsetzt. Der Philosoph hält schließlich noch einmal den Namen des Karnevalsgottes hoch («Mirobuk!»), lächelt dabei aber schon «eigentümlich», und vertschüsst sich. Zurück blieb eine Autorin mit Erinnerungen, die sie an einen Mann ohne Eigenschaften delegierte ­– die Anspielung auf Musil ist gewollt, ich lese Herrn Dames Aufzeichnungen als kluges Vorspiel zu meinem großen Lieblingsroman.

Franziska zu Reventlow: Herrn Dames Aufzeichnungen, Milena Verlag 2022

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