Filme und Folgen (92)

Notizen: April 2026

Für die Palästinenser. Eine Israelin berichtet Edna Politi Deutschland/Israel 1974

Edna Politi, geboren 1948 in Sidon (Libanon), studierte seit 1971 an der DFFB. In diesem Kontext entstand Für die Palästinenser, der als eines der herausragenden Dokumente über die Lage in Palästina nach 1967 gelten muss. Den Auftakt macht ein Gedicht von Mahmoud Darwish («Schreib auf: ich bin Araber»), danach spricht Edna Politi direkt in die Kamera, wie eine Anchor Woman. Sie beginnt didaktisch, mit Landkarten aus der Zeit der Gründung Israels und der Nakba. Dann begibt sie sich an Orte, sie sieht sich an, was aus Dörfern wurde, aus denen Menschen vertrieben werden, 1948 und 1967. In ihrer Darstellung sind die Interpretationsinteressen der 68er erkennbar: die Arbeiter und Bauern stehen mehrfach unter Druck, durch Großgrundbesitzer aus den eigenen Reihen, und durch die Besatzung. Wirtschaftliche Zusammenhänge leuchten in großer Verdichtung auf: Die Firma Triumph International lässt in Jerusalem Unterwäsche nähen, dadurch kommen palästinensische Frauen in Berufstätigkeit und außer Haus, der Staat Israel bekommt durch den Export Devisen. Als Arbeitskräfte werden die Palästinenser eingebunden, auch in die Inflation in Israel – Lebensmittel werden rasch teurer. Politische und gewerkschaftliche Organisation wird behindert.

Die «nationale Motivation» darf nicht stark werden, wächst aber, zumal nach dem Schwarzen September 1970, in dem Jordanien gegen die radikalen Palästinenser auf seinem Territorium vorging. Politis Film enthält alles, was man für eine linke, komplexe Sicht auf den Konflikt bis heute zu bedenken hat: die internationalistische Perspektive, die es aus theoretischer Sicht eigentlich bräuchte, um den ökonomischen Prozessen gegenüber nicht naiv zu sein, muss zurückgestellt werden, weil die «nationale Motivation» (das Interesse, einen Staat zu gründen, der dann in marxistischer Sicht eigentlich zu überwinden wäre) vorerst das einzige plausible gemeinsame und zugleich antagonistische Interesse darstellt. Ein Lied nach einem Gedicht von Kamal Nasser steht für dieses Interesse und beschließt den Film. (Solothurner Filmtage Stream Dank an Ute Holl und David Wegmüller)

Anou Banou – Töchter der Utopie Edna Politi Israel 1983

Zehn Jahre nach Für die Palästinenser veröffentlichte Edna Politi ihre Sicht auf Pourquoi Israël (so die Frage aus dem Filmtitel von Claude Lanzmann aus dem Jahr 1973: Warum Israel?). Sie befragt dazu eine Reihe von Frauen, die stark in die linken vorstaatlichen Landnahmen in Palästina involviert waren: Emma Talmi, Shulamit «Mita» Bat-Dori, Yetka Michaeli, Yehudit Simhoni, Rahel Priver. Ein historischer Abriss zu Beginn macht deutlich, dass der Zionismus seit dem späten 19. Jahrhundert viele Aspekte einer politischen Übertragung hatte: Menschen, die sich nicht der Gefahr von Progromen in (Ost)Europa aussetzen wollten, gingen nach Palästina und dachten dabei an die Pariser Commune. Sie fanden ein Land vor, das es ihnen nicht leicht machte («nichts als Dornen» in Afouleh, einer frühen Siedlung, eine Frau flieht auch aus Palästina vor «Trockenheit und Trostlosigkeit»).

Das Verhältnis zu der lokalen Bevölkerung, wie es aus den Gesprächen deutlich wird, würde ich so beschreiben: Die Palästinenserīnnen wurden einerseits gar nicht wirklich wahrgenommen, weil der Enthusiasmus für das zivilisatorischen Projekt von Kommunen in der einstigen jüdischen Heimat alles überstrahlte; und wo sie überhaupt wahrgenommen wurden, waren sie die Opfer eines Feudalismus, den die Zionistinnen zwar bemerkten («ihre Herren lebten im Ausland»), der aber über ihr Projekt hinausging. Denn bei den Kibbuzen ging es eben um Orte, die nach innen schauten, wie das bei Kommunen der Fall ist, wo es dann um Fragen des Binnenfortschritts ging («Wir wollten autonom sein»): Können Frauen auch Männerberufe ausüben, wie den der Gipserin, auf den eine bestand? Wie gestalten sich die Beziehungen in solchen Kollektiven, wenn Stärke mit Enthaltsamkeit assoziiert wird, «Wissen über Sexualität» weitgehend fehlt, junge Menschen aber in einer Gruppe leben und arbeiten (es war «emotional alles sehr aufgeheizt»)?

Die Arbeit hat theologische Facetten («wie in der Schöpfung»), und utopische («jeder machte seine individuelle Revolution»). Die Nachbarn blieben im blinden Fleck («das Land war fast leer», «die arabische Ökonomie war auf einem zu niedrigen Niveau» für – so kann man die Formulierung weiterdenken – sinnvolle Kooperation, also konnte man sich in der Illusion wiegen, eine «unberührte Erde zu bebauen»). Sehr vereinfacht ist das wohl doch so lesbar, dass der religiös-politische Impuls, das progressive Pathos des Neuen, die Säkularisierung des Jüdischen, das sich darin neu erfand, den Blick auf das Vorhandene, das Palästina im Osmanischen Reich, verstellte: «wir trafen sie nur selten», heißt es über die Einheimischen. Die Staatsgründung 1948 war für alle Gesprächspartnerinnen von Politi ein ambivalenter Moment, und die Siedlungspolitik nach 1967 halten sie für illegitim. Zugleich bleibt Stolz darauf, dass ihre General-Kommune, wie sie sich den Staat Israel idealerweise vorstellten, auch ihre Signatur trägt: Emma Talmi war Mitglied der Knesset. Das Ideal der kollektiven Erziehung beschäftigt sie weiterhin. Gerade für die heute so entscheidende Frage, inwiefern (und wenn, ab wann) Israel als siedlerkolonialistisches Projekt einzuschätzen ist, ist Anou Banou eine herausragende Quelle, und eröffnet zusammen mit Für die Palästinenser eine spannungsreiche Perspektive auf den aktuellen Lieblingswiderspruch einer globalen Linken, die es sich in meinen Augen oft viel zu leicht macht mit ihren Engführungen.

Abend der Gaukler (Gycklarnas afton) Ingmar Bergman Schweden 1953

Der Filmtitel tauchte sehr out of context in Elaine Scarrys Buch Der Körper im Schmerz auf, ein Anlass, zwischendurch wieder einmal etwas von Ingmar Bergman zu schauen, der mir kaum noch gegenwärtig ist. Die Pferdewagenkolonne des Cirkus Alberti zu Beginn am Horizont, im Inneren eines der Wagen erhebt sich der Direktor, küsst seine jüngere Geliebte, und steigt nach oben zum Kutscher, mit dem er sich an eine Episode vor sieben Jahren erinnert: wie Alma, die Frau des Clowns Frost, nackt mit Soldaten ins Meer stieg, und der Clown sie zurückbrachte, barfuß über die spitzen Steine der Küste stolpernd (um dieses Motiv geht es Scarry), Alma auf dem Rücken schleppend, dann wieder an seine Brust geklammert, eine groteske Szene zu militärisch-komischer Blasmusik, ein Stück Stummfilmästhetik als Prolog für einen Film nicht zuletzt über ein anachronistisches Metier. Der Zirkus schlägt sein Lager an einer Küste auf, unternimmt eine Werbeparade in der nahen Stadt, und sucht eine Theatertruppe auf, von der man Kostüme borgen muss. Albert, der feiste Zirkusdirektor, hat hier auch eine frühere Frau und zwei Kinder, die er seit drei Jahren nicht gesehen hat. Anne, die er aufgeputzt zu dem Kostümhandel mitgebracht hat als eine ausdrückliche erotische Trophäe, ist seine Frau on tour. Sie hat einen Austausch mit dem Theaterstar Frans, den sie der Unmännlichkeit bezichtigt, den sie aber gleichwohl aufsucht, als Albert zu seiner Frau Agda geht, in deren bürgerliche Sicherheit er sich sehnt – er wird aber abgewiesen.

Schwer zu sagen, ob er in der nördlich-wilhelminesken Welt, in der das Drama spielt, als attraktiv gegolten hätte mit seinen Schweißperlen, seinem ondulierten Haar, seiner Leibesfülle. Unter der Jacke trägt er kein Hemd, nur einen Kragen – dem Zirkus geht es schlecht, es reicht nicht einmal für vollständige Bekleidung. Anne lässt sich von Frans mit einem Amulett verführen und betrügen. Danach ist alles bereit für die Große Gala am Abend, zu der auch die Theaterleute, auch sie eine fahrende Truppe, eine etwas weniger schäbige, kommen. Die Vorführung eskaliert zu einem unfreiwilligen Clownsfaustkampf zwischen Albert und Frans, die Zirkusreiterin Anne, deren Akt unzweideutig als sexuell erregend charakterisiert wird, fällt vom Pferd. Mit der Pistole, die im Finale für Suspense sorgt, erschießt Albert nicht sich, sondern den Bären, der noch ein Stück älter und kränker ist als die ganze Kompagnie, die von ihm abhängt, und mit der er schließlich weiterzieht – das Leierkastenspiel von einem Gauklerabend ist einmal durchgelaufen. Kamera von Sven Nykvist ist exquisit, aber alles an dem Film ist altertümelnd, die Beziehungen sind verzweifelt, nur Agda ist ein Inbegriff von Würde (sie hat einen Laden geerbt und expandiert).

Disunited Nations Christophe Cotteret Frankreich 2025

Francesca Albanese ist wohl die Person, die am stärksten mit dem Begriff Genozid im Zusammenhang mit Israels Krieg in Gaza assoziiert wird – und es darauf auch anlegt. Die UN-Sonderberichterstatterin für Palästina wird von israelischen und amerikanischen Stellen deswegen des Antisemitismus geziehen, weicht an einer Stelle dieser Arte-Doku von Christophe Cotteret aber selbst einem Reporter aus, der von einer jüdischen Lobby in den USA spricht – es ist in diesem Moment nicht ganz klar, ob ihre Zurückweisung dieses Begriffs eine rhetorische Konzession ist, eine ironische, oder eine Differenzierung. Cotteret begleitet Albanese in der ersten Hälfte des Films durch ihren Alltag, man sieht sie in diplomatischen Meetings, aber auch im Gespräch mit Jeremy Corbyn (der sie mit Phrasen umgarnt). Danach geht es Cotteret stärker um ein Porträt von Albaneses Argument, also um eine Darlegung der Umstände, die für die Rede von einem Genozid sprechen (der Begriff in seiner Sachlichkeit, nicht zuerst seinen performativen Funktionen). Er spricht mit dem isarelischen Historiker Amos Goldberg, mit Mitgliedern der Friedensbewegung in Israel, fährt in das Westjordanland, dann sogar nach Yarmouk (in Damaskus, das Exilpalästinenserviertel, aus dem Abdallah Alkhatib kommt und auf das sich sein Film Chronicles From the Siege bezieht).

Cotteret kehrt schließlich zu Albanese zurück, die in der UNO noch einmal ihren Punkt macht, vor einem Publikum, in dem ein Platz leer ist: der von Israel. Zum Ende des Films hin sind nicht nur die Evidenzen bezüglich der Kriegspolitik Israels plausibler, auch Albanese macht noch einmal deutlicher, was sie unter Genozid versteht. Und das ist an dieser bilanzierenden Stelle dann mehr als eine Beschreibung der letzten Jahre seit dem Simchat-Tora-Massaker. Für sie ist Israel in seiner zionistischen, siedlerkolonialen Verfasstheit per se und seit siebzig Jahren genozidal. Das ist der Genozid-Begriff, auf den unter anderem die niedersächsische Jugend der Linkspartei abhob. Und das ein Genozid-Begriff, der die historischen Komplexitäten seit sagen wir 1882 (erste Alija, also Beginn einer jüdischen Ein- oder Rückwanderung nach Palästina) zu stark vereinfacht. Ich fürchte allerdings, dass ein großer Teil der gegenwärtigen antiimperialistischen Linken das meint, wenn sie von Genozid spricht. (Babylon Mitte)

Das Mädchen Johanna Gustav Ucicky Deutschland 1935

Das Zeughauskino gab Gelegenheit, einen der wichtigsten, zentralen, wenngleich sperrigen Nazifilme von einem der übelsten Machwerker dieser Jahre, von Gustav Ucicky (Heimkehr, 1941), in einer historischen 35mm-Kopie zu sehen, also unrestauriert. Die französische Charismatikerin Johanna von Orléans war für den Drehbuchautor Gerhard Menzel keine leichte Aufgabe: die Nazis hatten weder für Frankreich noch für Frömmigkeit etwas übrig, zu Frankreich im 15. Jahrhundert gab es aber immerhin (neben dem Antagonismus zu England) noch Brücken, zum Beispiel über das Nibelungenland Burgund: Heinrich George spielt den entsprechenden Herzog, er ist eine der zentralen Figuren in einer Handlung, die sich stark an Haupt- und Staatsaktionen hält, also aus der Jungfrauensache der Heldin eine Männersache macht. Dass George einmal in einem Kinostarsystem ein Superstar sein konnte, in einer Ära, in der man aus Amerika einen Clark Gable oder einen Warren William sehen konnte, bleibt eines der großen Rätsel von Völkerseelen (hat aber wohl mit dem zu tun, was Nicolaus Sombart in seinem Buch Die deutschen Männer und ihre Feinde interessierte: die deutschen Männer im Zeichen des nachwirkenden Wilhelminismus waren ihre eigenen besten Feinde).

Die wenig subtile Angela Salloker spielt eine naive, in keiner Sekunde mystische junge Frau, die schließlich wie auf Knopfdruck von Verzweiflung auf Einsicht umstellt: für eine «Erneuerung des Landes» lässt sie sich gern als Märtyrerin verbrennen. Gründgens spielt den König als dämonische (ergo unmännliche) Figur politischer Ranküne: er sieht Johanna schon als instrumentalisierbaren Mythos. Ideologisch bildet Das Mädchen Johanna eine deutliche Brücke von den Nürnberger Parteitagen (Johanna als Fahnenträgerin vor Massen) zu Jud Süß, in dem es ja auch ein revolutionäres (Volks-)Erwachen gibt. Grobschlächtiger, lärmender Film, der natürlich genauerer Sichtung bedarf. (Zeughauskino)

Mambo Maternica Borbola Nagy Deutschland 2026

Drei ungarische Frauen in Europa, drei Frauen im gebärfähigen Alter, mit unterschiedlichen Reproduktionsschicksalen: Adél lebt in Paris, sie bewegt sich in hedonistischen Kreisen (einmal sieht man sie einen irmavepischen Body Suit anziehen, während sie gleichzeitig mit Ungarn telefoniert), sie möchte eine unerwartete Schwangerschaft unterbrechen; Rebeka lebt in Berlin und spielt in einer Arztserie (was Borbola Nagy für zwei markante Illusionssbrechungen nutzt), sie will allein und mit medizinischer Hilfe schwanger werden, ihre zum Geburtstag angereisten Eltern vertreten traditionelle Positionen; Nóra lebt mit Mann und Stieftochter in Wohlstand und will adoptieren, das entscheidende Gespräch dafür steht an, sie muss ihren Mann überzeugen, überhaupt mitzukommen, da braucht aber auch noch der alte, kranke, inkontinente Hund Aufmerksamkeit, und ein Termindrama spitzt sich zu. Manchmal ein wenig überdeutlich, aber mit gut inszenierten sozialen Momenten, läuft der Film auf eine emphatische Geste der Vereinigung der «Menschen, die schwanger werden können» (manche allerdings nur theoretisch) hinaus. (Achtung Berlin Filmfestival Stream)

A Jewish Problem Ron Rothschild Deutschland/Israel 2926

2007 war Ron Rothschild Bürger des Staates Israel, 18 Jahre alt, und damit verpflichtet zum Dienst in den Streitkräften (IDF). Er kam in die Öffentlichkeitsarbeit, und filmte drei Jahre lang die Aktivitäten seiner Kameraden. Einige dieser Aufnahmen hat er in seinen Dokumentarfilm A Jewish Problem übernommen: Szenen aus dem Alltag der Okkupation, Szenen aus dem ersten Gazakrieg (Operation Cast Lead). Rothschild lässt erkennen, dass ihm der Dienst in hohem Maß widerstrebte – was auch mit seinem wachsenden Bewusstsein für die Bedingungen der israelischen Staatlichkeit zu tun hat. Wann genau er begann, über die Nakba nachzudenken, ist nicht genau auszumachen – inzwischen lebt Rothschild jedenfalls in Berlin (der Film kommt von der DFFB), näherhin in Neukölln, wo er sich offensichtlich der Palästina-Solidarität nahe fühlt. Den zentralen Strang seines Films bilden Gespräche mit seiner Großmutter Ruth Rothschild, die sieben Jahre ihrer Kindheit in Deutschland verbrachte, und rechtzeitig nach Palästina kam, also der Shoah entging. Sie hat noch im hohen Alter präzise Erinnerungen daran, wie sie selbst von Vertreibungen im Kontext der Nakba profitierte («wir schliefen in ihren Wohnungen, nicht in ihren Betten», das ist ihre Formulierung für die Enteignungen).

Ron Rothschild stellt ihre Erfahrungen in eine Kontuinität: das «jüdische Problem» wird «vererbt» («inherited»), die Palästinenser bekommen ab, was die Juden in Europa vorher abbekommen hatten. Im Mai 2023 fand in Berlin eine Demo statt, in der dafür demonstriert wurde, zum Gedenken an die Nakba demonstrieren zu dürfen (schon vor der 7. Oktober waren die Behörden da offensichtlich auf Antisemitismusverdacht fixiert). Ein Mann trollt die Demo: «Ihr müsst über den Holocaust sprechen». Mit diesen Bildern beginnt der Diskurs in A Jewish Problem, und er kehrt über die in Israel gefilmten Erinnerungen von Ruth und Archivmaterial von ihrem Mann Gerd (der, wie später der Enkel, als Zeichner für die damals noch inoffiziellen Streitkräfte arbeitete, also PR machte) nach Neukölln zurück, wo er sich (eine Nuance) eine Sprachregelung zu eigen macht, die aus den unmittelbaren Reaktionen auf den 7. Oktober auf der Sonnenallee kommt: «Hamas broke out». Ein sehr interessantes Zeugnis aus dem Kontext kritischer Israelität. (Achtung Berlin Stream)

Home Movie On Location Viola Shafik Ägypten/Deutschland 2025

Viola Shafik ist eine binationale Filmemacherin, Historikerin und Theoretikerin. Sie beginnt mit Aufnahmen, in denen ihr Sohn Ani noch ein Kind ist – sein Vater ist Onsi Abou Seif, Architekt und Szenenbildner für viele bedeutende ägyptische Filme. Seine Entwurfszeichungen sind ein wichtiges Feature des Films. Er hat vor allem mit Shadi Abdel Salam gearbeitet, der vor seinem Tod lange ein Echnaton-Projekt hatte. Eine Familienreise in die oberägyptische Heimat von Onsi ist auch eine Reise in die vorislamische Zeit in Ägypten. Ani hat sich für einen Lebensmittelpunkt in Deutschland entschieden, die Familie ist aber offensichtlich in einem guten Einvernehmen. «Was tun gegen die Wehmut, wenn die Kinder erwachsen werden?» Man holt alte Videos hervor, und unternimmt etwas gemeinsam. Home Movie On Location gibt ein Einblicke in das ägyptische (Studio-)Kino, eine Straße, die für Adieu Bonaparte von Youssef Chahine gebaut wurde, wird später für einen Film von Marwan Mahed umfunktioniert. Viola Shafik hat Standardwerke über das arabische Kino geschrieben, hier leuchtet ihre persönliche Geschichte damit auf. (Alfilm Festival Stream)

Hobal Abdulaziz Alshlahei Saudi-Arabien 2025

Eine Großfamilie mit drei Generationen lebt in der Wüste. Der Patriarch hat das anscheinend so verfügt. Er will keinen Kontakt mit der nächsten Stadt, er hält das Leben dort für «corrupted». Die Männer hadern mit der Religion. Sie sind bestimmt von einem Angstglauben, rechnen mit dem Teufel oder mit dem Zorn Gottes, haben wohl auch ein dämonologisches Naturverständnis. Rifa, eine der jüngsten Frauen, ist allein in einem Zelt. Sie ist in Quarantäne, wegen Masern. Eigentlich müsste sie in die Stadt, in ein Health Center. Die Frauen sind dafür, die Männer stehen unter dem Diktat des starrsinnigen Alten, der dann aber (aus Angst vor Ansteckung) in die Wüste verschwindet. Schritt für Schritt enthüllt Hobal die Familiengeheimnisse, während in der großen Welt der Golfkrieg gegen Saddam Hussein beginnt – die Geschichte spielt im Jahr 1990, kann also als historisch abgetan werden. Der Erfolg des Films in Saudi-Arabien wird aber wohl auch mit den Gegenwartsbezügen zu tun haben, denn viel hat sich an den Geschlechterverhältnissen nicht geändert. Immerhin aber ist Hobal in einem Land, in dem das Kino bis 2017 verboten war, ein interessanter Fingerzeig. Die Landschaft sorgt für Pathos, und beruhigt es zugleich. (Alfilm Stream)

A Knight of the Seven Kingdoms Ira Parker USA 2026 6 Folgen

Zur Verkürzung der Wartezeit auf die nächste Staffel von House of the Dragon sechs heitere (aber auch gorige) Folgen über den hedge knight Ser Duncan the Tall, der behauptet, von seinem wenig besungenen Herren Ser Arlan vor dessen Tod zum Ritter geschlagen worden zu sein (any knight can make a knight). Er hat nun drei Pferde, die sind sein Kapital, und reitet nach Ashford, wo ein jousting ansteht. Das Schwert von Ser Arlan hat er auch. Die sechs Folgen dienen dazu, Dunk als Figur zu etablieren, die sozialen Strukturen der Epoche deutlich zu machen, und ihm einen Knappen zu verschaffen, den kahlköpfigen Egg, mit dem es eine besondere Bewandtnis hat, wie die Überraschung am Ende von Folge 3 enthüllt. Knighthood has fallen on sad times, sagt einer, als er Dunk sieht. Das trifft aber auch auf die Aristokratie zu.

Die Targaryen-Dynastie in der Zeit nach den Drachen weist Edelmänner auf, aber auch ein Monstrum namens Aerion, das zu Dunks Gegner wird – schließlich in einem Kampf, der als Götterurteil ausgefochten wird, nach einem alten Rechtsinstrument, das besagt, dass Sieben gegen Sieben fechten müssen (tradiert von den Andals). In Analogie zu Ridley Scott (The Last Duel) wird hier gehauen, als wäre es das First Duel: ein radikal dreckiger, grausamer, versehrender Kampf, in den als lange Rückblende das Kennenlernen zwischen Dunk und Ser Arlan geschnitten wird, bei einem grässlichen Streit in einem Saustall, aus dem eben nur ein shit knight hervorgehen kann, als der Dunk gesehen wird. Diese Szene, wie auch der trial by combat, stehen für eine Welt ohne Ethik, in der nur das Rittertum (protecting the innocent) für Ordnung sorgen kann. Damit wird zur entscheidenden Frage: Wer kann ein Ritter sein? Ein Hüne aus dem Nichts, der quasi direkt aus dem tiefsten Elend kommt, aus einer Anti-Dynastie? Bezeichnend, dass die Frage, ob er von Ser Arlan tatsächlich zum Ritter gemacht wurde, offen bleibt – er hat sich jedenfalls als Ritter legitimiert, musste sich dafür aber mit dem Herrscherhaus anlegen.

Brillant ein Dialog zwischen Dunk und Egg, als sie ein obszönes Lied hören über eine Alice, der zwei Finger fehlen, und die ihren Arm für rektale sexuelle Gefälligkeiten verwendet: «a crippled girl who shoved her hand up men’s arses». Egg fragt sich, ob es ein Mädchen namens Alice tatsächlich gegeben hat («a crippled girl good at pleasuring men in their bums»), oder ob das Lied sich im Lauf der Zeiten ohne einen konkreten Ausgangspunkt wie von selbst verfertigt hat, ein reines Wunschprodukt zotiger Fantasie. Das ist als poetologische Selbstauskunft für das Projekt von George R.R. Martin ein denkbar unerwarteter Moment, aber er enthält alles, was mich an dieser Saga interessiert: der Übergang vom historisch Unerreichbaren (gab es einen Abraham? gab es einen Odysseus? gab es – ultimativer Gegenpol zu jeder great men history – eine Alice?) in die unerschöpfliche Kreativität, aus der unsere narrativ gigantisch überdeterminierte Gegenwart kommt. Im Grunde ist (nach Hunderten Ödipussen und Antigonen) tatsächlich die Zeit für die Maschinisierung dieser Prozesse gekommen. George R.R. Martin aber hält noch ein Weilchen dagegen – eben auch mit dieser Alice. Ich hatte mit dem Ritter aus der Hecke (und aus der Scheiße) viel Freude. (HBO Max)

Die Verwandlung des guten Menschen Peter Nestler Deutschland 2002

Nestler fährt mit Thomas Toivi Blatt durch das östliche Polen (das einmal Mittelpolen war), und lässt sich von dem Überlebenden an den jeweiligen Orten erzählen, was er während des Zweiten Weltkriegs erlebt hatte. Zuerst in Izbica, wo ihn ein junger Pole, ein Kindheitsfreund, an die Nazis verrät (dieser Janek wurde später vom polnischen Widerstand als snitch hingerichtet). Blatt war nach einem früheren Fluchtversuch, der nur bis Lemberg ging, wieder bei der Familie, und kam nun nach Sobibor, in eines der Vernichtungslager, wo er 1943 an dem Aufstand beteiligt war, über den Claude Lanzmann einen eigenen Film gemacht hat. Die zwei Jahre danach war Blatt ständig in Lebensgefahr, an einer Stelle filmt Nestler eine Straßenkreuzung, bei der es rechts nach Wirkowice geht – die andere Abzweigung, so weiß er heute, wäre tödlich gewesen. So aber fand er schließlich ein Versteck bei einem Bauern, der ihm nun, im Jahr 2002, noch einmal gegenübertritt – der Film endet mit der Umarmung der beiden.

Das zentrale Thema des Films, das Verhalten polnischer Menschen gegenüber jüdischen unter der deutschen Besatzung, lässt Nestler von dem Psychoanalytiker Ludvig Igra in Stockholm kommentieren: Warum handeln manche grausam, andere aber gut? Im Kern geht es hier um eine komplementäre Idee zu der Banalität des Bösen bei Hannah Arendt. Für Igra zeichnet sich das Gute dadurch aus, dass es keine Begründung braucht (keine Prinzipien, keine Ideologie): goodness just happens (er spricht im Film Englisch, vor einem blauen Himmel und Stockholmer Stadtlandschaft). Vier Millionen Menschen, so heißt es an einer Stelle auch, wurden in Polen nicht industriell, sondern von Angesicht zu Angesicht getötet (in close encounters). Manche Nachbarn erwiesen sich als kalt (Lektüre dazu: Neighbors: The Destruction of the Jewish Community in Jedwabne, Poland von Jan T. Gross), manche folgten einer Selbstverständlichkeit und halfen: I just had to do it.

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 4 und 1.