Filme und Folgen (91)

Notizen: März 2026

sr Lea Hartlaub Deutschland 2025

«Giraffen sind nicht territorial», heißt es an einer Stelle in einem Film, der in Kenia beginnt, und von dort in alle Welt gelangt, auf den Wegen vieler Tiere, die aus Afrika in Tiergärten gebracht, also zu einer engen Territorialität fern der ursprünglichen Lebensverhältnisse gezwungen wurden: Amerika, Deutschland, Philippinen, China, Iran sind die wesentlichen Stationen. Und Eilat in Israel, sowie die Gegend rund um den Ararat in der Türkei, von der es heißt, dass hier die Arche Noah auf Grund lief. Ach ja, und Ägypten, das ist wichtig, weil Lea Hartlaub hier den Titel für ihren Film gefunden hat: sr hieß eine Giraffe, die auf einer Hieroglyphe überliefert ist. Von der Pharaonin Hatschepsut heißt es, sie hätte eine Expedition in das sagenhafte Land Punt unternommen, und dort nicht nur botanisieren lassen, sondern auch Tiere einfangen. Die Wege der Giraffen durch die Welt führen Lea Hartlaub zu allen erdenklichen Konfigurationen von Macht und Kultur: auf den Philippinen ließ der Diktator Marcos eine Insel freiräumen, die indigenen Bewohnerïnnen ließen sich aber nicht auf Dauer vertreiben. Jüdische Gelehrte diskutieren darüber, ob das Tier Zemer in den mosaischen Schriften eine Giraffe bezeichnet, ob das Fleisch damit koscher wäre, was sich aber im Grunde erübrigt, denn das große Tier ist «nicht schächtbar», weil «zu stark». Und in China geht sie der Frage nach, ob das mythische Einhorn Qilin mit einem Giraffentransport in den Fernen Osten der Ming-Dynastie zu tun haben könnte.

sr (vorgetragen von der Offstimme der Schriftstellerin Dorothee Elmiger) ist für mich ein Essayfilm par excellence. Die Regisseurin betreibt Lektüre und lässt sich von der Lektüre (Bücher, Dokumente, Landschaften) auf Wege leiten: geographische, intellektuelle, historische. Im Bild und im Kommentar ist alles auf einer Ebene: wir hören und lesen mit, was beim Lesen eines Buches vorwiegend im Kopf stattfindet, ist hier zum Teil ins Äußere gefaltet, der Filmtext ist auch ein Buch, aber mit mehr Mögichkeiten. Die Bilder aus aller Welt (Kamera, wie auch Schnitt, Buch und Regie: Lea Hartlaub) sind sorgfältig komponiert und halten auf panoramatische Distanz, was auf die Person hinter dem oder im Film zurückwirkt: Lea Hartlaub verwandelt den Abenteuer- und Expeditionsgestus früherer Weltreisefilme (Sans Soleil e.a.) in einen Gestus der Selbstobjektivierung. Vor den De- und Reterritorialisierung der Giraffe erübrigt es sich, ich zu sagen. sr macht das Menschsein winzig, und verleiht doch der Zeugenschaft (an diesem gigantischen Weltgeschehen) eine stille Größe. Ein absoluter Lieblingsfilm.

For All Mankind Season 2 Ronald D. Moore/Matt Wolpert/Ben Nedivi USA 2021

Von der ersten Season war ich begeistert, die zweite ging dann doch lange Wege durch eine eher konventionelle Verknüpfung von persönlichen, politischen und weltraumerschließenden Dramen. Dass das alles ein langsamer Aufbau für eine sehr starke letzte Folge war, hatte ich unterschätzt. Denn es geht um eine Klimax, die zur Kubakrise von 1962 eine deutliche Steigerung darstellen soll: Krisen auf dem Mond und um Panama treiben den Kalten Krieg unter Reagan und Andropow auf einen Moment zu, an dem tatsächlich alles auseinanderfallen könnte. Die wichtigsten Spannungspunkte sind, wie es sich gehört, persönlich überdeterminiert: die beiden zentralen Männer (Ed Baldwin und Gordo Stevens) müssen in Momenten höchster Gefahr auch ihre Eheprobleme bearbeiten.

Schlüsselmoment der Staffel, in der es nicht zuletzt um eine Apollo-Soyuz-Kopplung geht, also um ein Entspannungsmanöver zwischen USA und UdSSR im Orbit, ist eine technische Lösung für die Details der Kopplung, die keinem Raumschiff (keiner der beiden Supermächte) eine passive oder aktive Rolle zuweisen soll: ergo muss das Ingenieursteam eine «androgyne» Form entwickeln – besser hätte die Serie ihr Gesamtprinzip – Technik und Romantik, Weltraum und Herzensraum, Männertraditionalismus (die Corvette von Ed Baldwin) und Frauenemanzipation (die angedeutete denkbare spätere Präsidentschaft von Ellen Wilson) in konsequenter Verschränkung – nicht verdeutlichen/verschlüsseln können. Reagan steigt sehr gut aus in dieser Alternativgeschichte. Die letzte Sequenz deutet dann schon voraus: Come As You Are von Nirvana markiert einen Sprung in die 1990er Jahre, und stellt eine große erzählerische Aufgabe, denn zu diesem erzählten Datum will die Serie schon auf dem Mars sein, also die faktische Geschichte deutlich überholen. Ich werde auf jeden Fall weiterschauen. (Apple)

Meeting Götz Gregor Centner mit Birgit Bergmann Österreich/Deutschland 2006

Mit Rechten reden: so hieß vor einer Weile ein Buch, über das ich auch etwas geschrieben habe. Und seither haben sich die Diskussionen darüber, ob und wie man mit Rechten reden soll und kann, nicht erübrigt. Gregor Centner hat nun einen Dokumentarfilm über seinen Versuch gemacht, mit einer der Schlüsselfiguren der Rechten in Deutschland zu reden: mit Götz Kubitschek, der in Schnellroda in Sachsen-Anhalt ein logistisches und ideologisches Zentrum für völkische Politik aufgebaut hat. Centner lebt in Wien, zu Kubitschek hat er einen persönlichen Bezug: beide stammen aus Ravensburg, genauer noch aus Mochenwangen. Und dort treffen sich die beiden auch zuerst, nachdem Centner auf eine etwas umständliche Weise den Dialog eröffnet hat: durch Zusendung einer Tonband-Kassette, auf die Kubitschek auch tatsächlich etwas gesprochen hat. Die Erinnerungen an eine Kindheit in der Bundesrepublik führen zu einer ersten Definition: «Heimat ist, was mir Verhaltensunsicherheit nimmt.» Da könnte man noch meinen, an Kubitschek wäre etwas Reflexives zu entdecken. Doch als es schließlich in Schnellroda darum geht, dass tatsächlich ein (sagen wir) liberaler Demokrat (Centner) mit einem rechten Ideologen zu reden versucht, über das Schlüsselthema einer «deutschen ethno-kulturellen Identität», da erweist sich eben, dass es sehr darauf ankommt, wer redet. Denn beide blamieren sich vor allem an einer Stelle gründlich. Kubitschek lässt sich von Centner bei seinem Versuch, diese Identität historisch zu verankern, auf eine kuriose Spur bringen. Seine Phantasie kommt ins Laufen, und er spekuliert darüber, ob es schon im Urschleim deutsche Amöben gegeben haben könnte, später deutsche Reptilien, räumt dann aber ein, er habe sich «mit Ur- und Frühgeschichte nicht beschäftigt». Sehr wohl kommt er aber gleich darauf auf historische «Sortierungsvorgänge» in der «Völkerwanderung» zu sprechen, auf eine Zeit, in der seiner Meinung nach «Völker ihren Platz eingenommen haben».

Centner ist nicht im Ansatz in der Lage, eine der vielen Möglichkeiten aufzunehmen, die sich argumentativ hier bieten. Viele (zumal bei einem Festival wie der Diagonale) erwarten sich von einem Film wie Meeting Götz ja, wenn schon, dann eine Überführung: Dass sich ein Feind der Demokratie so zeigt, wie er wirklich ist, nämlich eben feindselig. Aber Kubitschek ist ein freundlicher Herr, der Blödsinn redet. Und Centner hat dem Blödsinn nichts entgegenzusetzen. Dazu müsste er nicht Historiker sein, aber er müsste sich in der Lage zeigen, «sich seines Verstandes zu bedienen», wie es in einer berühmten Formulierung heißt. Dieser Verstand ist die knappe Ressource, wenn es darum geht mit Rechten zu reden. Eine deutsche ethno-kulturelle Identität ist eine Fantasie, die ein inneres Mochenwangen zur Norm erklären will, von der Amöbe bis zur Traufe.

Centner aber ist offensichtlich fasziniert von seinem Protagonisten, oder genauer gesagt wohl von der Bedeutsamkeit seines Projekts. Er ist eitel. Und damit wird er schließlich (in einem Missverständnis von Direct Cinema) zu einem Komplizen des Tumultinteresses der Rechten. In Wien lässt er sich von Kubitschek rund um einen Vortrag mit Gegendemo so embedden, dass er wirklich jede Glaubwürdigkeit verliert. So wird Meeting Götz zu einem Exempel dafür, wie man mit Rechten nicht reden sollte: naiv. (Diagonale – Festival des österreichischen Films)

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