Filme und Folgen (90)

Notizen: Februar 2026

House of Wax Andre de Toth USA 1953

Seit dem Jahr 2005 hat die Cinémathèque Francaise ihren Standort in Paris-Bercy, im südostlichen Teil der Stadt. Ich war in all den Jahren viele Male in Paris, und nun selbst erstaunt, dass ich es noch nie dorthin geschafft hatte – an einem Donnerstag im Februar 2026 war es aber doch so weit: Eine Nachmittagsvorstellung im Rahmen der Retrospektive zu Andre de Toth im Salle Franju versprach eine 3D-Projektion von House of Wax, und erwies sich als sensationelle Kinoerfahrung. Die Geschichte ist einfach: Vincent Price spielt einen Mann, für den es eine präzise Berufsbezeichnung nicht gibt. Dioramist? Balsamierer? Wachsbildhauer? Leichenräuber definitiv, aber das ist per se kein Beruf. In der knappen Rahmenhandlung kommt es zwischen dem «Künstler» Henry Jarrod und seinem Investor Matthew Burke zu einem Streit über den künftigen Betrieb ihres Figurenkabinetts «House of Horror». Burke zündet die Figuren an, bei der Zerstörung der Ausstellung kommt Jarrod aber nicht ums Leben, sondern lebt, wie sich bald erweist, in grässlicher Entstellung weiter – de facto hat er, neben verwüsteter Gesichtshaut, eine Art Irokesen-Look davongetragen. Schon bald macht er in seinem angestammten Metier weiter und präsentiert neue Szenen aus der Geschichte: Jeanne d’Arc auf dem Scheiterhaufen, das Lincoln-Attentat in der Loge. Vorerst nur versprochen, als Krönung: eine Marie Antoinette.

Jarrod arbeitet, das ist der ganze Coup, mit lebenden Modellen, die er für den Eindruck der Lebensechtheit der Figuren allerdings umbringen muss. Damit ist alles bereitet für einen tollen Showdown, in dem Sue Allen (Phyllis Kirk) schon bereitliegt, um präpariert zu werden – das rosabrodelnde Sudbecken, in dem das Wachs auf tödliche Temperatur gebracht werden soll, wird, wie es sich gehört, zum Todesbecken für den wahnsinnigen Jarrod. Ein herbeieilender Inspektor wirft sein Jackett über die festgeschnallt daliegende Sue, die also nackt war, was wir aus der Spannungsgroßaufnahme, in der sie nur bis zum Hals (und danach ihre verzweifelt mit der Handschelle ringende Hand) zu sehen ist, durchaus vermutet hatten. Für das damalige 3D war ein Horrorkabinett natürlich ein Fest, und tatsächlich war die Projektion in der Cinémathèque auch ein solches: herrliche Farben, herrliche Plastizität, herrlich naives Spiel mit der Tiefe des Raums und mit den Effekten der Zuwendung zu dem Raum, der dem Publikum ganz nahe kommt (und in diesem auch einmal ein herausgestreckter Damenhintern im Rüschenkostüm, ein weiterer de facto money shot in klassischer Hollywood-Metonymie). Selbst die 3D-Brillen, die wir gereicht bekamen, hatten irgendwie kultigen Objektstatus. (Cinémathèque Francaise)

Day of Wrath: Tales from Tripoli Rania Rafei Libanon 2026

Ein Porträt der libanesischen Stadt Tripoli, in der 1943 die Unabhängigkeit von Frankreich erkämpft wurde. Von Seiten der Kolonialmacht waren damals auch Soldaten aus dem Senegal im Einsatz, einer verlor die Herrschaft über einen Panzer, mehrere Menschen starben. Ein anderer Schwarzer heiratete ein lokale Frau, und wurde der Großvater einer Frau, die sich nun vor der Kamera von Rania Rafei an ihn erinnert – eine historische Fotografie gibt es auch zu sehen. Mit Zwischenhalten bei wichtigen Jahreszahlen (1958: Traum von einer arabischen Einheit, Begeisterung für den ägyptischen Präsidenten Nasser; 1967: der Traum platzt im Sechstagekrieg, den Ägypten, Syrien und Jordanien gegen Israel verlieren; 2019: Aufstand gegen die Korruption im Libanon) versucht Rania Rafei ein Gefühl für die Gegenwart zu gewinnen, wobei sie vor allem Burschen vor die Kameras holt, die sie dazu einlädt, sich in frühere historische Ereignisse hineinzudenken (und dann, gleichsam in einer Rolle, darüber zu sprechen), aber auch einfach ihre eigenen Gefühle und Gedanken, auch Träume, auszusprechen. Eine engagierte Lehrerin in einer Schulkasse bringt die Schülerīnnen dazu, sich über Revolution und nationale Identität Gedanken zu machen.

Durch den ganzen Film zieht sich auch ein monologisches Gespräch der Regisseurin mit ihrem verstorbenen Vater, der (als Arzt, als Politiker) eine wichtige Figur in Tripoli war. Wichtig für den Film ist auch der zentrale Ort: der Nour-Platz, auf dem früher eine Statue stand, nun ersetzt durch eine große Inschrift mit dem Wort Gott auf Arabisch – Islamisten dulden keine Statuen, in diesem Fall haben sich die Tawheed durchgesetzt. Rania Rafei präsentiert sehr viel interessantes Material, Höhepunkt für mich war eine Rede, die Nasser anscheinend unmittelbar nach einem Attentatsversuch auf ihn im Jahr 1954 hielt, ein Dokument voll Charisma und auch Machtintensität. Heute denkt einer der Jungen bei dem Wort Revolution nur an „roadblocks and gunfire“. Nichtsdestoweniger endet Rafei mit einer Art Volksversammlung, bei der eine Frau in sehr konservativer muslimischer Kleidung sich sehr überzeugend für einen gemeinsamen, freien Libanon ausspricht. Purcells Cold Song steht am Ende. In den wenigen Totalen sieht man Tripoli als eine mediterrane Küstenstadt mit Gebirge im Hintergrund – eine Stadt, in der das Leben eigentlich ein Traum sein müsste. (Berlinale Forum)

Effrondement (Collapse) Anat Even Frankreich (Israel) 2026

Beginnt in den Hinterlassenschaften des Terrors: Schon am 24. Oktober 2023 filmt Anat Even in Nir Oz, wo noch wenige Tage davor die Hamas gewütet hatte. Das Haus ihrer Freundin Carol ist leer, sie geht hinein, allerdings ohne Kamera. Mehrere Tote sind allein hier zu betrauern. Even ist weitgehend allein in der Menschenleere, ein riesiger Briefkasten ist mit Informationen beklebt: Gestorben. Vermisst. Sie zeigt aber auch, dass für den Abend des 7. Oktobers zu einer Demo in der nahen Stadt Beer Sheva eingeladen gewesen war, für sieben Uhr abends: Gegen die Okkupation. Die Hamas (und ihr Fußvolk) fielen über viele Freunde von Gaza her. Anat Even bleibt dann die ganze Zeit in der Nähe der Linien, die Israel (die westliche Negevwüste) von Gaza trennen. Am Horizont oft, in einer flachen Linie, die Gebäude, in die Israel seinen gigantischen militärischen Vorsprung ablädt: Artillerie, general purpose bombs, Missiles (wir kennen eine solche Einstellung schon aus einer Szene in Nadav Lapids Ya). Even macht gleich zu Beginn deutlich, dass sie grundlegend gegen den Krieg ist. Sie ist damit in Israel in einer kleinen Minderheit. Mit ihren Bildern eines Blicks auf Gaza, dem ein Weg nach Gaza hinein versperrt ist, sucht sie Gemeinschaft – mit einem Freund namens Ariel in Paris, der ihr Material anschaut und mit eingesprochenen Briefen darauf reagiert. Sie spielt einer Frau die Vogelgeräusche vor, die kennt jeden Ton und hört auch heraus, wie der Waffenlärm den Gesang verändert. Effondrement ist auf dieser Ebene ein Hörspiel mit Bildern, zwischendurch dann wieder stärker direkt dokumentierend, zum Beispiel bei einer Gruppe von Siedlern, die nur darauf warten, Gaza zu „judaisieren“, oder bei den Soldaten (deren Gesichter alle unkenntlich gemacht werden): Einer gestattet beiläufig einen Kamerablick auf einen Konvoi mit Hilfsmitteln für Gaza, drückt aber sein Missfallen aus („it’s a shame we’re giving them all this“).

Schließlich kommt Netanjahu nach Niz Or, auch er schaut hinüber nach Gaza, eine Foto Op für den „destroyer of Israel“, wie ihm einige Protestierende zurufen. Anat Even kennt die Felder, auf denen sie unterwegs ist, aus ihrer Kindheit: sie hat sie selbst bestellt, sie kommt aus der Gegend, und sie erinnert, dass sie drüben, hinter der damals noch nicht so stark befestigten Linie, Kinder sah, die aus ihren Schulbüchern lernten – ein inneres Bild aus einer Zeit, als ein Zusammenleben nicht undenkbar war. Ariel aus Paris (der unsichtbar bleibt wie die Filmemacherin auch) bleibt mir mit zwei Gedanken in Erinnerung. Er zieht eine Linie von Sétif (wo im Mai 1945 die französische Besatzungsmacht exzessiv auf algerische Randale mit Todesopfern reagiert hatte) zur Unabhängigkeit Algeriens 1962: eine historische Analogie, die ein Hoffnungszeichen für Palästina enthält. Und er äußert sich überraschend schroff über die „3000 gleichgültigen jungen Leute“, die auf dem Rave tanzten, der auch von der Hamas überfallen wurde, und denen die Besatzung (in Sichtweite) keinen Gedanken wert gewesen wäre. Anat Evens Umkreisung einer „extermination zone“ (aus der sie auch zwei palästinensische Zeugnisse vernehmbar macht) ist für mich der bisher profundeste Beitrag des dokumentarischen Kinos zu diesem Themenfeld seit dem Oktober 2023: nur von radikalen Positionen wie ihrer aus ist in meinen Augen eine Lösung für Israel/Palästina erreichbar. (Berlinale Forum)

Unfamiliar Paul Coates D/F 2026

Ein deutsch-internationaler Thriller-Sechsteiler für Netflix, der noch einmal Berlin als Tor zum gefährlichen Osten ins Spiel zu bekommen versucht: alles dreht sich um eine Begebenheit «vor sechzehn Jahren in Belarus» (damals sagten noch höchstens Fachleute Belarus, es galt eine vergleichbare Naivität wie für die nationalen Besonderheiten der Ukraine). Susanne Wolff und Felix Kramer spielen Mr. und Mrs. Schmid (so müssten sie eigentlich heißen, in Anlehnung an Mr. & Mrs. Smith, das Starvehikel für Brad Pitt und Angelina Jolie, das Pate stand), de facto Meret und Simon, zwei ehemalige BND-Agenten, die nun rogue als höchst spezialisierte Entsorger bei Gewaltzwischenfällen arbeiten. Deckidentität ist ein Restaurant, eine sechzehnjährige Tochter namens Nina bindet als Verantwortungsausgabe an den Alltag. Die Routine wird aufgestört, als ein Russe namens Koleev (Samuel Finzi, haha) nach Berlin kommt, mit seiner Gattin, die Botschafterin werden soll (der Name Putin fällt nie, so eine Konkretion würde Unfamiliar nicht hergeben). Koleev ist, wie sich allmählich aus Rückblenden ergibt, der Vater von Nina (Kosename: Ninja), die Mutter Katya, totgeglaubt, taucht auch wieder auf.

Ich hatte ein wenig auf Details gehofft, die zumindest Andeutungen von heutigen Agentenspielräumen ergeben hätten, kam aber außer Hinweisen auf allgegenwärtige Gesichtserkennung auf nichts – da sind die Berichte aus dem Iran, wo auch vermummte Menschen von Kameras identifiziert werden, schon weiter. In Sachen einer impliziten Logistik und auch Logik heutigen Geheimdienstwesens gibt Unfamiliar also nicht viel her, von der Thriller-Ebene war ich aber zumindest nicht grob gelangweilt, auch wenn schließlich alles sehr schematisch auf eine Fortsetzung mit der jungen Ninja im Zentrum hinausläuft. Nebenbei: gäbe es in Berlin tatsächlich alle die Schießereien und Gemetzel und Verfolgungsjagden, die Unfamiliar in nur sechs Folgen anrichtet, wir hätten Staatspanik. (Netflix)

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