Zeitbomben

Ein Film: "Massaker" von Monika Borgmann, Lokman Slim und Hermann Theißen

Als ich von der Ermordung von Lokman Slim las, fiel mir ein Film wieder ein, der Mitte der nuller Jahre intensiv diskutiert wurde: Massaker von Monika Borgmann, entstanden unter Mitwirkung von Slim und Hermann Theißen, habe ich mir nun noch einmal angesehen. Ein Dokumentarfilm über die Täter bei dem Massaker in Sabra und Schatila, in einem palästinensischen Flüchtlingslager während der Offensive der IDF, der Verteidigungskräfte des Staates Israel 1982 im Libanon. Vor der Kamera zeigten sich damals, mit unerkennbaren Gesichtern, Mitglieder einer christlichen libanesischen Miliz, der Forces Libanaises, die sich dem Politiker Bachir Gemayel verpflichtet fühlten. Er wurde 1982 zum Präsidenten des Libanon gewählt und bereitete einen Frieden mit Israel vor, wurde am 14. September aber bei einem Bombenanschlag getötet, von dem es in Massaker heißt, dass er bis heute nicht aufgeklärt wurde. Wikipedia spricht von Verbindungen zum syrischen Geheimdienst.

Zwei Tage später begann das Töten in Sabra und Schatila. Die Protagonisten in Massaker sprechen davon in weitgehend leeren Räumen, die Kamera (Nina Menkes) geht nahe heran an die Körper, filmt Körperteile, Behaarung, Haut, Zehennägel, nur selten gibt es ein bisschen Ablenkung, einer der Männer hat zwei Katzen. Man bekommt den Eindruck, sie wären in einem Safe House, und so war es wohl auch, wenigstens der Sache nach, denn gesprochen wurde unter Zusicherung von Anonymität.

Und so schildern sie ihr Aufwachsen in einem „Bürgerkrieg“ (der in Massaker immer unter Anführungszeichen geschrieben wird), in einer Kultur, in der Kinder den Umgang mit Waffen gewöhnt sind („wir konnten nur einschlafen, wenn wir Schüsse hörten“). Gemayel, so der Tenor, sammelte die Straßenjungen ein und formte sie zu einer Miliz, die dann in einer klandestinen Aktion nach Israel zum Training gebracht wurde. In der Touristenstadt Eilat übten sie nackt inmitten von Nudisten, erzählt einer; sie bekamen auch Holocaust-Filme vorgeführt, und die Knesset. 1980 kehrten sie in den Libanon zurück, mit der Ermordung von Gemayel werden sie gleichsam zum Detonieren gebracht: „Wir waren Zeitbomben“.

Die Erzählungen von Massaker im engeren Sinn sind zugleich detailliert und verallgemeinerbar: Einer brachte es nicht über sich, zu schießen, ein Kollege hinter ihm tötete für ihn mit. Die Filmemacher reichen Fotografien, einer hakt bei einer Aufnahme von toten Pferden ein, das Bild beschäftigt ihn mehr als andere. Während die Milizen töten, „saßen die Juden auf den Panzern“. Es wird aber mehr als deutlich, dass die FL im Auftrag der israelischen Armee auf Frauen, Kinder, Wehrlose schossen. „Es gab keinen Widerstand“, sagt einer ganz ausdrücklich. „Beim vierten Opfer genießt man es schon“, ein anderer. Wenn Frauen um Gnade flehten, „ließ uns das kalt“. Warum sagst du Juden, nicht Israelis?, wollen die Filmemacher wissen (auf Arabisch, die Frage kam also wohl von Slim). Sie haben Christus getötet, deswegen mag ich sie nicht, antwortet einer, und beruft sich damit auf ein antisemitisches Klischee. Der Film endet mit der Schilderung zweier grässlicher Taten im Detail, einer Vergewaltigung und einer „Hinrichtung“ mit einem Messer, das einen Körper aufschlitzt.

In der Diskussion des Films in Duisburg im November 2005 berief sich Theissen auf die Untersuchungen des Historikers Christopher Browning, an die ich auch denken musste: Ganz normale Männer sind die Protagonisten von Massaker wohl nie gewesen, denn sie wuchsen in einem Staat auf, der diese Normalität nicht gewährleisten konnte, und in dem es normal war, jungen Männer vorzugaukeln, sie wären so etwas wie die libanesischen Green Berets. Die Gruppe der Sprechenden / Erinnernden in Massaker ist groß genug, um unterschiedliche Weisen der Verarbeitung erkennen zu lassen: Manche wirken ungerührt, ein anderer aber erzählt, dass der „Kampf“ von damals nie aufgehört hat, er kämpft nun (beim Sprechen darüber) mit sich selbst. Dieser Eindruck teilt sich in Massaker deutlich genug mit, um den Film unbedingt als aufklärerisch sehen zu können.

In memoriam Lokman Slim

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