Filme und Folgen (88)
Notizen: Dezember 2025
Stiller & Meara – Nothing Is Lost Ben Stiller USA 2025
Der sehr erfolgreiche Schauspieler und Regisseur Ben Stiller (Nachts im Museum, Cable Guy, Severance) räumt die Wohnung seiner Eltern am 118 Riverside Drive in New York aus und erinnert sich an Jerry Stiller und Anne Meara, die als jewish-irishes Comedy-Duo in Amerika sehr populär waren, regelmäßige Gäste in der Ed Sullivan Show, und 62 Jahre lang ein Paar, das sich von seiner Arbeitsbeziehung oder überhaupt von der Übermacht der Arbeit im Showbiz nur allmählich befreien konnte, ohne dabei die Liebe zu verlieren. Vorteilhaft für den Film ist, dass Jerry Stiller nichts wegwarf und auch viel aufzeichnete («he taped everything»), so auch sehr persönliche Gespräche mit seiner Frau. Für Ben Stiller, dessen frühere Frau Christine Taylor und die beiden gemeinsamen Kinder auch mitmachen, ist der Film ein Stück Therapie: er begreift, wie ähnlich er seinem Vater ist, der süchtig war nach Publikum, während Anne ihren Überdruss an den «follies» mit Alkohol betäubte (sie war auch geprägt durch den frühen Verlust der Mutter, die sich unter den Herd gelegt hatte: «she inhaled suicide»). Jerry Stiller, der in späten Jahren als Vater von George Costanza in der Sitcom Seinfeld noch eine definitive Rolle hatte, überlebte seine Frau um ein paar Jahre. In einigen Bildern von Jerry Stiller aus seiner früheren Zeit blitzt etwas von dem großartigen Wahnsinn auf, der im Innersten der amerikanischen Unterhaltung arbeitet: ein Überlebenskampf, der auch aus der Not der großen Depression kam, und der das «richtige» Leben auffrisst. (Apple TV)
Dina Sowjetunion 1991 Fjodor Petruchin
In einer russischen Gemeinde in der Gegend von Novocherkask gibt es einen aufsehenerregenden Todesfall: ein Ataman (ein Kosakenführer) hat sich das Leben genommen. In seinem Abschiedsbrief heißt es: Russland ist dem Untergang geweiht. Das ist auf den Bürgerkrieg zwischen Weißen und Roten zu beziehen, der nach der Revolution von 1917 herrschte, wobei im Lauf des Films Kosaken auf beiden Seiten anzutreffen sind. Eine schöne junge Frau namens Dina, Tochter eines Arztes, wird zur Hauptfigur. Sie muss, nachdem ihr Vater ums Leben kommt (in einer nächtlichen Horrorszene), fliehen und kommt in ein Dorf, das zum Schauplatz der weiteren Konfrontationen wird. Dina gerät in den Verdacht, eine Hexe zu sein, sie sagt auch tatsächlich, nachdem ihr ihr Vater als Geist erschienen ist, einen schicksalhaften Todesfall voraus, bei dem ein Mann bei einem Schießspiel der roten Kosaken in die Stirn getroffen wird, weil er im falschen Moment die Tür aufreißt, auf die die Karte genagelt war, die es zu treffen galt (toller filmischer Suspense). Dina (der Kosename Dusha bedeutet im Russischen Seele) wird schwanger von einem attraktiven jungen Mann, den sie gesund pflegt, nachdem er durch einen lokalen Bauern verwundet wurde: Volodya ist Verfechter der Weltrevolution, er stirbt – wiederum magisch konnotiert – durch einen Schlangenbiss. Dina stürzt sich schließlich in einen Brunnen, das Kind bleibt als Waisentochter der Revolution und des Bürgerkriegs zurück.
In der Gegenwart des späten Sowjetkommunismus ist eine junge Frau namens Larisa von einem Bild an der Wand, auf dem Dina und ihr Vater (und eine Statue) zu sehen sind, angezogen: Sie träumt die Geschehnisse von damals, sie ist die Seelenverwandte von Dina, auch wenn ihr Vater versucht, Träume wissenschaftlich als neurologische Tatsache abzutun. Rahmenhandlung ist ein Kirchturm, in den anfangs ein Priester hinaufsteigt, zu den Glocken, am Ende steigt ein Dropout wieder hinunter. Flugaufnahmen über die Landschaft wie bei Tarkowski, zum Ende hin ein wehmütiges Lied über Russland, das Land des warmen, sanften Don (ein weiteres Kosaken-Mythologem), schließlich eine Stimme aus dem Off, die Gott und den Dekalog wieder einsetzt – das wäre die nationalreligiöse Wendung, für die Dina auch steht, und die bis zu Putins Kriegskirche führt. Insgesamt eine merkwürdige Mischung aus Geisterstunde, Mystik („mystische Tragödie“ ist auch der Untertitel des Films) und Geschichtspolitik. Dazu elektronische Horrorklänge.
The Beast in Me Gabe Rotter USA 2025
Schon seit einer Weile schaue ich Netflix-Serien eher mit dem Interesse, Anhaltspunkte für eine weiter zunehmende Industralisierung (also Konventionalisierung der Warenform) der Inhalte zu gewinnen. The Beast in Me erscheint mir dafür ein gutes Beispiel: eine im Grunde banale, aufgeblasene Geschichte um einen Immobilienmogul in New York, der unter der Oberfläche seines Reichtums immer wieder Gräuel begeht, und mit dem sich eine hinreichend traumatisierte Non-Fiction-Autorin auf einen Pakt einlässt, bei dem Buchrecherche in Lebensgefahr übergeht. Ich habe Homeland nicht gesehen, war deswegen nicht gefasst auf das immer wieder ungeheuerliche Gesicht von Claire Danes, ansonsten aber hat die Serie nicht viel zu bieten außer die sehr üblichen Kicks, eine Nebenrolle für Jonathan Banks (aus Breaking Bad und Better Call Saul), und ein halbwegs befriedigendes, frauensolidarisches Rachefinish. Insgesamt waste of time. (Netflix 8 Folgen)
Pluribus Vince Gilligan USA 2025
Zum Abschluss des Jahres dann doch noch eine große neue Fernseh-Erzählung, wie man das von Vince Gilligan auch am ehesten noch erwarten durfte: Pluribus ist einerseits auf den Punkt in das Zeitalter von KI und digitaler Konformität gesetzt, andererseits aber tief in den grundlegenden Debatten um Individualität als Grenze der Zwangswohlfahrt (in kommunistischen Systemen, mehr noch aber in religiösen Aufhebungen von Ungleichheiten aus Freiheit) verwurzelt. Ein Signal von einem fernen Planeten verwandelt die Menschheit in ein kollektives, benevolentes Riesensubjekt, das sich dreizehn Ausnahmen gegenüber sieht: dreizehn Menschen, die einen humanen Rest bilden, und die sich vor der Frage sehen, ob sie auch „beitreten“ wollen („the joining“ ist der Begriff), oder ob sie an ihrem defizienten, aber eben unvertretbaren Leben festhalten wollen. Gilligan bleibt seiner Fernsehlebenswelt rund um Albuquerque treu und stellt mit Carol Sturka (Rhea Seehorn) eine Trivialautorin in den Mittelpunkt, die eine anscheinend für heutige Verhältnisse recht typische Riesensaga schreibt, mit der sie selbst nicht mehr richtig zufrieden ist. Ab und zu sieht es für eine Weile danach aus, als wollte Gilligan diese Parallelebene reflexiv auf die Heldinnenfunktion von Carol beziehen, da ist vielleicht noch Potential für die nächste Staffel. Vorerst aber geht es vor allem darum, das Liebeswerben der Unitude (wie ich die vereinheitlichte Multitude bezeichnen würde) um Carol in der wie bei Gilligan üblichen fetischistischen Detailversessenheit mit seinem geläufigen Hang zur narrativen Dehnung in alle erdenklichen Richtungen zu vertiefen – jede Folge ist ein dramaturgisches Meisterstück. Parallel lernen wir die anderen zwölf Individuen kennen, von denen sich vor allem ein radikaler Einzelgänger aus Paraguay als wesentlich erweist. Bis zur zweiten Staffel ist nun ausreichend Zeit, um in Ruhe Leibniz zu lesen, denn die Theodicee ist in meinen Augen der Referenztext für ein vertieftes Verständnis von Pluribus. (Apple TV 9 Folgen)
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