Filme und Folgen (89)

Notizen: Januar 2026

Olivia Jaqueline Audry Frankreich 1951

In einem Mädcheninternat in Frankreich im späten 19. Jahrhundert erscheint eine neue Schülerin: Olivia Dealey aus England. Sie fügt sich ein in das komplexe soziale Gefüge, das durch Nebenfiguren angereichert wird (die resolute und wenig klassisch, sondern Unsinn/«radotage» sprechende Köchin Victoire, die sich anfangs über Olivias Namen lustig macht; eine immer hungrige Lehrerin Fräulein Dubois; und die durchwegs negativ gezeichnete Frau Riesener, die Deutsch und Piano unterrichtet), insgesamt aber im Zeichen der zwei Leiterinnen steht: Mesdames Julie und Cara, die eine immer gefasst und bestimmt, die andere leidend und nervös. Die Schülerinnen, auch bei ihnen ist Zeit für die eine oder andere ephemere Charakterzeichnung, sind entweder Julistinnen oder Caristinnen – also Anhängerinnen einer der beiden Schulleiterinnen. Die Ausbildung ist universell, Mathematik wird erwähnt, ein astronomisches Modell steht auf dem Gang; maßgeblich aber sind die «lettres», die Julie unterrichtet. Ein Ausatzthema betrifft die Figur Chimène aus Corneilles Le Cid (ist sie une fille denaturée?), und eines Abends wird aus Racines Andromaque vorgelesen – Olivia erweist sich hier erstmals als kenntnisreich, wird aber nie als besonders gute Schülerin charakterisiert. Wichtiger ist, dass sie ein Zimmer gegenüber den beiden Damen zugewiesen bekommt, sie ist also für eine besondere Rolle designiert. Das wird auch durch einen Ausflug in das nahe Paris bestätigt, auf den Julie sie mitnimmt: zur Statue von Strasbourg auf der Place de la Concorde, und zu Watteaus Kythera-Gemälde. Während sich der Antagonismus zwischen Julie und Cara zuspitzt und in einem Tod durch Überdosis des Schlafmittels Chloral gipfelt, wird Olivias Liebe zu Julie immer stärker. Und sie wird offensichtlich auch erwidert, allerdings folgt auf ein „Versprechen“ bei einem weihnachtlichen Ball eine Enttäuschung, und schließlich die Auflösung des Konflikts: durch eine Bemerkung Julies wird deutlich, dass diese „Liebe“ einerseits ein wiederkehrendes Muster darstellt (auch Cara war einmal eine Liebe von Julie, vielleicht sogar ihre einzige), andererseits aber im Rahmen der Konventionen bleiben muss, denen zufolge die Schule als Ehevorvereitung (für einen duc, also einen Edelmann) dient.

Zwei Szenen machen sehr deutlich, dass der Raum der Autonomie, in dem es keine Männer gibt, umgeben ist von männlichen Instanzen, die immer dann kommen, wenn es um Gesetze und Geld geht (Julie und Cara, so erfahren wir en passant, sind in die Schule auch finanziell investiert, das Kapital geht schließlich an Frau Riesener!). Olivia entwirft eine Welt, die zugleich ein Davor und ein Danach enthält: für die Schülerinnen einen geschützten Bereich vor der gesellschaftlichen Dimension der Liebe, die allerdings durch die beiden Leiterinnen auch schon verkörpert wird, die eine beherrscht, die andere ganz Sympton; in einer Welt, in der lesbische Beziehungen keinen Raum hatten, handelt Olivia von einem Raum, in dem es nur Frauen gibt. Für die Generation nach 1968, die Olivia wiederentdeckte, konnte der Film zu einem Vorzeichen einer nun „befreiten“ Autonomie werden, zu einem Danach der bürgerlichen Ordnung. Jaqueline Audry erzählt schwungvoll und mit Liebe zu den pittoresken Figuren, sehr schön auch, wie das Haus mit seiner geschwungenen Treppe im kreisrunden Eingangsbereich mit der Kamera fast zu einem Tanz bittet. Die zyklische Einheit eines Schuljahres ergibt zugleich einen Verlauf eines unwiderbringlichen Verlusts. Die „heidnische“ und mit Shakespeare assoziierte Engländerin Olivia könnte Madame Julie allenfalls in Kanada wiedersehen. Vivian Ostrovsky hat Olivia für ihre Reihe im Zeughauskino ausgewählt, und so auch auf meine Agenda gebracht. Merci, Vivian!

Ida Who Sang So Bad Ester Ivakič Slowenien 2025

Ida ist ein Mädchen in Slowenien in den 1970er Jahren, als Jugoslawien noch ein Staat war und die Menschen einander als Genossen anredeten. Für Ida ist die Welt magisch aufgeladen: Ein Lied, in dem der Wind nach seinen Geschichten befragt wird, gibt den Duktus vor – elegisch verweht. Während der Vater Ziegel für ein besseres Haus anschleppt, will die Mutter weg, und sie nimmt Ida auch mit, als sie sich bei Freundinnen in einem Ausflugslokal einquartiert. Ester Ivakič greift auf, was die wunderschöne slowenische Landschaft mit ihren vielen kleinen oder größeren christlichen Kultstätten (Altare oder einfach ein Kreuz am Wegrand) anbietet, und allgemeiner, was die Elemente (Wind, Sturm, Fluss) so mit sich bringen, und zeichnet ein Porträt einer ausklingenden Kindheit: Ida kann zwar nicht singen, aber sie kann die verborgenen Schwingungen der Welt so klingen lassen, als wäre alles noch auf ein Kinderradio stimmbar. Dahinter aber sind die Mysterien des richtigen Lebens schon deutlich zu vernehmen. Schöner, poetischer Film. (Screener vom Kino Krokodil)

Wildwood, NJ Ruth Leitman Carol Weaks Cassidy USA 1994

Wildwood, New Jersey, ist eine Kleinstadt gut 250 Kilometer südlich von New York. Im Sommer 1994 kamen die beiden feministischen Dokumentaristinnen aus Atlanta mit einer Super 8-Kamera und machten Interviews mit zahlreichen meist jungen Frauen und ein paar wenigen Männern, in denen es um all das geht, was in so einem Sommer eine Rolle spielt: Beziehungen, Sex, Körperbilder, Vorstellungen von Glück und Spaß. Die Stakkato-Montage türmt Klischees aufeinander, allmählich aber ergibt sich aus den vielen Bekräftigungen klassischer Rollenverhältnisse und des eigenen Objektstatus ein interessanter Effekt: alles das, was eine kritische Theorie wohl als falsches Bewusstsein besorgt stimmen müsste, erweist sich als nicht so wichtig gegenüber der rapid-fire-Unbefangenheit, mit der diese jungen Frauen, die meisten von ihnen mit aufgemotzten Hairstyles, darauf los reden. Die Montage verwandelt ihre Selbstaussagen in Ermächtigung. Zugleich ein fantastisches Zeitdokument: die supposedly hedonistischen Clinton-Jahre, hier findet man sie tatsächlich. (Berlinale Retro Pressevorführung)

Raspad (Zerfall) Michail Belikow USSR (Ukraine) 1990

Ein chaotischer, immenser Katastrophenfilm, in gewisser Weise der katastrophalste aller Katastrophenfilme, weil er über Tschornobyl hinausgeht, in die Katastrophe des sowjetischen Zeitalter und sogar der „slawischen Menschen“ insgesamt. Raspad wirkt, als wäre mit den Dreharbeiten schon am Tag nach dem Reaktorunfall begonnen worden, de facto entstand der Film vier Jahre später, manche Bilder wirken aber dokumentarisch, zum Beispiel eine Flugaufnahme von einer langen Evakuierungskolonne von Bussen, das wäre eigens für einen Film kaum vor- und herstellbar. Hauptfigur ist Sasha, ein Journalist, der gerade von einer Reise nach Griechenland (natürlich auf die Akropolis) zurückgekommen ist, gesprächsweise tauchen auch die «Mariupoler Griechen» auf, es gibt einen Familienbezug in diese Richtung. Der Vater wollte von Sasha ein Stück Erde aus Hellas, das dieser ihm, wenn ich richtig verstanden habe, nicht gebracht hat, er gibt ihm unechten Ersatz. Sasha erfährt, dass seine Frau wohl etwas mit einem Klassenkameraden namens Shurik hatte, während er weg war. In das Private hinein dann die ersten Bilder aus Tschornobyl, Rettungsautos machen in Kyjiw auf der Straße kehrt, irgendetwas ist los und nicht in Ordnung. Belikow zieht das dann konsequent durch, private Geschichten und das ungeheure Durcheinander. Ein Junge, der seine Mutter sucht, gerät in ein Krankenhaus und wird Zeuge von Abtreibungen, zu denen Frauen mehr oder weniger sofort mehr oder weniger genötigt werden; ein junges Hochzeitspaar, eines von 20, die an diesem Samstag im Frühling heiraten wollten, hat sich romantisch-erotisch in den Wald verdrückt und stößt bei der Rückfahrt auf dem Motorrad auf eine Apokalypse, feiert dann aber noch Ostern in einer Kirche, plündert die geweihten Speisen, und fleht schließlich den Pfarrer an, sie noch zu trauen, da laufen schon alle davon. Sasha nimmt schließlich an einem Pressetermin in dem verstrahlten Block teil, 90 Sekunden wird als Frist für die Männer in Schutzanzügen angegeben, die eine rote Fahne oben enthüllen, eine Photo Op, da sind sie schon drei Minuten in den Trümmern. Der Film endet im Herbst 1986, Sashas Frau kommt zurück, wieder ein großes Essen, Menschen rauchen, trinken, das Leben geht weiter. Wladimir Wyssozki singt zum Abschied. (Berlinale Special Pressevorführung)

I Love LA Season 1 Rachel Sennott USA 2025 Acht Folgen

Als die Serie Entourage 2011 zu Ende ging, war die Welt noch eine andere: Vier weiße, straighte Jungs aus Queens in Los Angeles, einer davon ein Filmstar, und als Thema die relativen Kalamitäten, die man mit einem Leben vielfacher Bevorteilung hat. Rachel Sennotts I Love LA ist dazu die Fortführung in einer neuen Welt radikaler, programmatischer Vielfalt, jedenfalls in der Welt, in der die Talentmanagerin Maia sich bewegt: Sie hat bei ihrem Boyfriend Dylan («Dyl»), einem Lehrer und Musiker, eine Homebase in einem Alltag, der bei einem Brettspieleabend einmal sehr lustig überbetont wird (Maia platzt, sehr angespitzt, in diese Runde). Beruflich und den größten Teil des Tages ist sie mit ihrer Truppe zusammen: die Influencerin Tallulah Stiehl, die Freundin Alani, von der nicht so ganz klar ist, was sie genau macht (sie muss jedenfalls nichts arbeiten), und der Celebrity Stylist Charlie («I look like a Serbian electrician»), der das schwule LA bestens kennt. Maia ist der Inbegriff heutiger Ambition: immer bereit für einen Deal, eine Beförderung, eine Synergie, eine Win-Win-Situation, in einer Welt, in der die Starrollen durch Social festgelegt und im Fluss gehalten werden. Sie kompromittiert sich dadurch laufend gegenüber Dyl, hat aber eben diese Ersatzfamilie, in der viel Dopamin produziert wird, und viel Komik (sarkastischer Höhepunkt, als sie sich nach einem Unfall in der Notaufnahme als Jüdin ausgibt, um schneller für «open-toe-surgery» dranzukommen). Die beste Folge ist wahrscheinlich die, in der eine Party in dem Haus von Elijah Wood stattfindet, der anscheinend selbst nicht da ist, bis ihn Maia und Alani, die unerlaubt in den ersten Stock gehen, in seinem Schlafzimmer antreffen: Alani hat einen Kindheitscrush auf den früheren Hobbit, nun gibt es keinen Sex, sondern sehr lustige Peinlichkeiten. Als Enzyklopädie aktueller amerikanischer „manners“ ist I Love LA nicht nur ein großes Vergnügen, sondern auch ein schönes Beispiel dafür, dass (geopolitische) soft power und Selbstironie problemlos zusammengehen. (Sky)

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