Nasser Markt

Notizen zu einem Wuhan-Video

Im Netz zirkuliert dieser Tage auch ein Video, das unter dem Tag "Hell on Earth" eine gut sechs Minuten lange Sequenz vom "Wuhan Meat Market" zeigt, also von dem Ort, an dem das Coronavirus mutmaßlich zum ersten Mal bei Menschen aufgetreten ist. Es ist eine typische Touristenkamera, die sich unter das rege Treiben mischt, Leuten im Gewusel folgt und immer wieder genau in Augenschein nimmt, was hier alles gehandelt wird. Riesenschlangen, die zu Meterware portioniert werden, flambierte Nagetiere stapelweise, und schließlich die Tiere, um die es den Machern dieses Video wohl ursprünglich ging: Hunde in Käfigen, und dann auch Hunde, die bereits für den Verzehr vorbereitet sind.

Von einem Extoxic Market in the World schreibt einer der Uploader des mehrfach zu findenden Videos, und man kann sich wohl aussuchen, ob das einfach schlechtes Englisch, oder polemisches, in dem sich das Exotische mit dem Toxischen mischt. Auch wenn es nur ein Tippfehler ist, trifft er doch etwas: Extoxizität könnte geradezu zu einem neuen Schlagwort werden. Dabei ist es auch nicht wirklich von Belang, dass das Video jedenfalls unter diesem Titel eine Fälschung ist. Man muss nicht lange suchen, um darauf zu stoßen, dass es eigentlich Bilder von einem Markt in Indonesien zeigt. Es ist auch so leicht zu erkennen, welches ätiologische Bedürfnis es derzeit in den Whatsapp-Gruppen und in den Youtube-Algorithmen mit einer Ursprungsmythologie bedient: das Coronavirus kommt aus einer Welt, die sich apokalyptisch sehen lässt, und in der sanitäre wie gattungsethische Gebote mit Füßen getreten werden, die in Flipflops stecken.

Es gibt dazu eine Referenzszene in einem Dokumentarfilm von Michael Glawogger, der in Workingman’s Death einen Rinderschlachtbetrieb in Port Harcourt in Nigeria gezeigt hat, für den die Bezeichnung „Hölle auf Erden“ zumindest vor dem Hintergrund eines abendländisches Bildgedächtnisses nachvollziehbar wäre. Die Rinder und Ziegen werden hier unter freiem Himmel getötet, auf die althergebrachte Weise mit einem Schnitt durch den Hals, der sie ausbluten lässt. Sie werden dann in einem Gewirr von Abläufen, das aber eine bald nachvollziehbare Logik und Arbeitsteiligkeit hat, „geröstet“, gewaschen, zerteilt und auch gleich verkauft – soll heißen, die Fleischteile landen unverpackt im Kofferraum eines Kunden. Das alles vor dem auch über die Bilddistanz hinweg als beißend empfundenen Rauch der allgegenwärtigen Feuerstellen.

Die unterstellte Hölle in Wuhan hat auch Aspekte dieser hygienischen „Primitivität“, die bei Glawogger allerdings in einem ganz anderen Zeichen stand. Sein Film heißt ja Workingman’s Death, es ging ihm um eine Ehrenrettung einer Idee von Handwerk, also von nicht abstrahierter Arbeit, die in Port Harcourt in extremis zu erleben war. Und durchaus vergleichbar konnte man die vielen Marktszenen, die Menschen vor allem in Asien in Zeiten eines ungestörten Tourismus aufgenommen und geteilt haben, als ein eigenes Genre nehmen: Food Gore, also eine Mischung zwischen kulinarischen Trophäen und Schockeffekten. Wo Fernsehköche und Videoblogger vorangegangen waren, auf dem Weg bis zu den abjektesten Genüssen, spazierten bald die Fans hinterher und versuchten sich selber als Food Ranger auf der Suche nach Parts Unknown.

Eine der bekanntesten dieser Delikatessen könnte man geradezu als Sinnbild der Grenzüberschreitung nehmen, auf die das Wuhan-Video hinauswill. Balut-Eier sind zwar in China wenig verbreitet, sie gelten vor allem auf den Philippinen als ein Nationalgericht. In dem Film The Woman Who Left von Lav Diaz taucht immer wieder ein armer Mann auf, den man als eine Art Jedermann sehen kann, und der vom Verkauf dieser Eier lebt, in denen schon halb entwickelte Tierembryos gekocht und dann verzehrt werden. Das Coronavirus lässt viele Menschen nun wieder anders auf solche Nahrungstabus schauen. In ungestörten Zeiten bietet es einen Kitzel, etwas auszuprobieren, was man von daheim nicht kennt. Das Wuhan-Video suggeriert aber eine grundsätzliche Überschreitung, tut also im Grunde so, als wäre das Virus eine Strafe, wobei immer noch festzustellen wäre, wofür genau. Dafür sind wohl die Hunde der Schlüssel.

Auf dem „wet market“ in Wuhan war es, nach bisherigem Wissensstand, die Wildtierabteilung, von der das Problem ausging. Der Diskurs, der sich mit der Umwidmung des indonesischen Bildmaterials verbindet, zielt hingegen auf eine andere Überschreitung, nämlich auf den Verzehr von Haustieren. Dieser Topos ist so geläufig, dass es sogar eine dänische Filmkomödie gibt, die darauf anspielt: I Kina spiser de Hunde (In China essen sie Hunde). Der vermutete Nähr- oder Gesundheitswert von Hunden hängt allerdings mit kulturellen Gegebenheiten zusammen, die ihrerseits nicht nur autochthon sind. Das lässt sich zum Beispiel aus dem koreanischen Film Address Unknown (2001) von Kim Ki-Duk ersehen. Im Mittelpunkt steht ein Mann, der Hunde jagt und tötet, eine Praxis, die der Film zum symbolischen Zentrum der Konflikte macht, von denen er erzählt. Es sind allesamt klassische Modernisierungs- und Vereinheitlichungskonflikte in einem Land, das sich 1970 (in der Zeit spielt die Geschichte) nicht nur als Frontbereich des Kalten Kriegs sehen musste, sondern auch unter dem Druck einer kulturellen Amerikanisierung. Der Aberglaube, Hundefleisch wäre gesund, ist also auch gegen Corned Beef gerichtet.

In der Clip-Folklore, die sich gerade mit dem Wuhan-Ausbruch verbindet, wird das Spezifische aber gegenstandslos: der Markt wird als ein Ort des ethisch und sanitär Höllischen „extoxiziert“. Wenn man schon nicht weiß, wie es mit dem Virus weitergehen wird, weiß man der Unterstellung nach wenigstens, wo es herkommt, nämlich von einem Ort, an dem Menschen in Blut und Dreck waten, und ihre besten Freunde essen.

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