Filme und Folgen (65)

Notizen: Januar 2024

John Lennon: Murder Without a Trial Nick Holt USA 2024

Aus der Apple-Doku über den Tod von John Lennon ist mir vor allem ein Moment aufgefallen: Die Reaktion von Paul McCartney, der von einer Kamera mit der schlechten Nachricht erwischt wird, und sich mit einem sehr blasiert klingenden «Drag, isn’t it» abwendet, ohne auch nur die geringste Betroffenheit zu zeigen. Von dem Mörder Mark Chapman wusste ich so gut wie nichts, hier bekommt er eine typisch amerikanische Außenseiter-Biografie mit religiösem Irrsinn und einer offensichtlich schon sehr früh sehr ausgeprägten Profilierungsneurose. (Apple TV+)

It Started with Eve Henry Koster USA 1941

Der schwer reiche Jonathan Reynolds liegt im Sterben, die ersten Szenen zeigen eine Zeitungsredaktion, die sich um jeden Preis mit ihrer Umbruchs-Deadline nicht auf dem falschen Fuß erwischen lassen will. Sein Sohn Johnny trifft ein, er will ihm noch die künftige Schwiegertochter vorstellen, es kommt auf jede Minute an. Gloria ist aber mit ihrer Mutter irgendwo unterwegs, und nicht im Hotel. In der (Zeit-)Not nimmt Johnny einfach eine junge Frau mit, die an der Garderobe arbeitet: sie spielt (für 50 Dollar Gage) die Verlobte, es geht ja nur noch darum, dem alten Mann den letzten Moment zu erleichtern. Der aber ist von „Gloria“ (in Wahrheit Anne) sehr angetan, zeigt Lebenszeichen, am nächsten Morgen ist ihm nach einem Steak. Schon zu diesem Zeitpunkt ist vor dem Hintergrund vergleichbarer Komödien längst klar, worauf alles hinausläuft: Johnny und Anne werden ein Paar werden, die Schwierigkeiten unterwegs sind zum Teil köstlich inszeniert. Der Mann zeigt sich nicht wirklich als Traumpartner, ein ziemlicher Schwächling, der meistens hinterher läuft, zum Beispiel dem Zug, mit dem Anne schon nach Shelbyville, Ohio, abreisen will – sie hat genug von der Großstadt, ihr Talent wird hier nicht gebraucht. Komischer Höhepunkt des Films für mich die Szene, in der sie im Anwesen des alten Reynolds dem da noch bettlägrigen Magnaten etwas vorspielen will. Das Klavier ist im Untergeschoß, es muss erst einmal in Hörweite geschoben werden (zwei Faktoten, die eigentlich für die Anfertigung einer Totenmaske gekommen sind, müssen helfen), dann singt Deanna Durbin hinauf zu Charles Laughton.

Interessant, wie die Geschichte im letzten Drittel sehr ambivalent mit der Möglichkeit flirtet, der alte Genießer (he lived life to the fullest, meistens allerdings kulinarisch, seine waist line war sein Markenzeichen) könnte sich selbst noch einmal als Objekt für die junge Frau sehen. Das wird dann in einer schönen Szene in einer Bar zugleich auf die Spitze getrieben und korrigiert, wobei Laughton da noch einen Tanz hinlegt, bei dem ein Mann eigentlich nur lächerlich wirken kann, dem er aber doch auch Würde verleiht. Deanna Durbin spielt eine junge Frau, die mit perfekter Intuition gelegentlich über das Angemessene hinausgeht: «I like a girl with spirit», sagt Jonathan. Sie wäre aber auch dumm, aus einer so absurden Gelegenheit nicht doch etwas herausholen zu wollen. Laughton (einmal in einer Szene mit einem Schuh und einem Pantoffel quasi zwischen Diesseits und Jenseits) steuert auch eine schöne Charakterkomödie bei (umgeben von nervösem Personal), und Durbin (anfangs in Pumps, ein echtes modern girl) macht jederzeit deutlich, dass New York sich unfassbar blamieren würde, müsste Anne tatsächlich den Zug nach Shelbyville nehmen.

Tsareubyitsa (Der Zarenmörder) Karen Schachnasarow UdSSR/GB 1991

In einer psychiatrischen Klinik in der sehr späten Sowjetunion fällt ein Mann namens Timofeew auf, der so etwas wie Stigmata entwickelt: unerklärliche Wundmale, die alle aus einer Identifikation mit (anarchistischen, später bolschewistischen) Mördern von Zaren zu stammen scheinen. „Die Sphäre des menschlichen Bewusstseins ist unermesslich“, sagt ein Arzt an einer Stelle, und definiert damit auch den erzählerischen Horizont des Films. Die Danielsgeschichte aus der jüdischen Bibel, das Menetekel für das untergehende Babylon, kommt via Heine als Präambel ins Spiel. Wir sind an einem Punkt des epochalen Regimewechsels (Ende der Sowjetunion), von dem der Blick auf einen früheren, gewaltsamen Umbruch (Ende des Zarenregimes) zurückgeht. Der Arzt Alexei findet allmählich mehr über die Identifikationen von Timofeew heraus, bis sich schließlich erweist, dass er selbst auch in der Vergangenheit schon dabei war: er war damals Nikolaus II, der letzte Romanow. Bisherige Rückblenden auf winterliche Anschläge auf Herrscherfiguren werden von der nun vor allem relevanten Zeitebene im Jahr 1918 abgelöst, als in Ekaterinburg, eigentlich im Hinterland, plötzlich aber an einer Frontlinie des Krieges mit den Weißen, ein Häufchen Parteisoldaten und Tschekisten die Romanow-Familie bewachen.

Timofeew muss schließlich die Ermordung organisieren – «the son of a junkman» erschießt eine der größten europäischen Dynastien persönlich und mit ein paar Handlangern. Auch das ist kommunistische Revolution. Später sieht man ihn kurz mit Lenin-Bild im Hintergrund auf einem riesigen, einsamen Platz vor einer Kirche – Sowjetimponierismus im Früh- und im Endstadium. Ein vor allem atmosphärisch großartiger Film, der den historischen Moment sowohl konkret (die ungeteerten Straßen in Fußweite von den sowjetischen Wohnblöcken, die rußigen Winter) wie allegorisch perfekt auf den Punkt bringt, und mit dem britischen Star Malcolm McDowell auch eine Koproduktionsperspektive für das ehemaligen Sowjet-Studiokino eröffnete, die dann in den Wirren der brutalen und kriminellen neunziger Jahre kaum Fortführung fand.

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