Filme und Folgen (63)

Notizen: November 2023

Die Brieffreundin Sarah Klewes D 2023

Nach einem Urlaub mit den Eltern in Italien beginnt Sarah Klewes noch im Mädchenalter einen Briefwechsel mit der zwei Generationen älteren Schriftstellerin Claretta Cerio. Die Korrespondenz begründet eine ungewöhnliche Freundschaft, kurz vor ihrem Tod sorgt Claretta dafür, dass Sarah alle ihre Briefe zurück erhält, sie sollen nicht verloren gehen. Der Dokumentarfilm rekonstruiert das Leben der deutsch-italienischen Autorin (1927 - 2019), die zweimal Beziehungen zu deutlich älteren Männern einging, lange Zeit mit Edwin Cerio auf Capri lebte, später in der Toskana eine zweite Heimat fand. Klewes nimmt zwei Schauspielerinnen zu Hilfe, um bestimmte Situationen zu verdeutlichen, verlässt sich im Übrigen aber auf die Briefe, auf Fotografien, und auf die Zeugnisse einiger Nahestehender, vor allem der Tochter von Claretta. (Hofer Filmtage Stream)

Projekt Ballhausplatz - Aufstieg und Fall des Sebastian Kurz Kurt Langbein Ö 2023

Kurt Langbein lässt die Karriere von Sebastian Kurz Revue passieren – von den Anfängen in einem Wahlkampf, in dem ein schwarzes Monsterauto (ein Hummer) als Geilomobil fungierte (inklusive Kühlerhaubengirl), bis zu seinem Rücktritt als österreichischer Bundeskanzler im Jahr 2021. Kurz wollte in Österreich ein «Modell des regressiven, autoritäten Regierens» etablieren, so formuliert es der Ex-Politiker Matthias Strolz ein wenig technisch, aber vollkommen zutreffend (Strolz lässt sich in seinem Maleratelier filmen, alle Interview-Partner haben interessante Hintergründe, vielfach sehr gediegene, wohl eigene Wohnumgebungen). Das Material aus den entlarvenden Chats von Thomas Schmid wird ausführlich zitiert, insgesamt entsteht der Eindruck eines schleichenden Putschversuchs: ohne das Ibiza-Video (als eine Intervention, de facto ein freak event), und ohne den unzulänglichen Löschversuch von Schmid (auch hier wäre die Rekonstruktion von 600000 Nachrichten um ein Haar unterblieben) wäre Österreich heute wohl ein zweites Orbanistan. (Hofer Filmtage Stream)

20 Days in Mariupol Mstyslaw Tschernow Ukraine 2022

Mstyslaw Tschernow war zu Beginn des russischen Angriffs auf Mariupol für die Associated Press in der Stadt. Sein Material aus den ersten 20 von insgesamt 86 Tagen bis zum «Fall» der Stadt war zum Teil damals schon im internationalen Fernsehen zu sehen, nun wurde es umfangreicher und zusammenfassend zu einem Dokumentarfilm geschnitten, der einen schockierenden Einblick in die erste Wochen des Kriegs gibt. Russland bereitete die Eroberung durch umfangreichen Artilleriebeschuss (shelling) vor. Tschernow hält sich vor allem bei Krankenhäusern und Rettungskräften auf, daraus ergeben sich zahlreiche Bilder, die man als Kriegspornographie bezeichnen muss: eine verletzte hochschwangere Frau (Teile ihres Bauches werden verpixelt), ein junger Mann, der beim Fußballspielen schwer verletzt wurde, ein Baby, das gerade aus dem Leib einer ebenfalls verwundeten Mutter kam und eine Weile nicht atmet. Eine junge Mutter bringt ihr Kind ins Krankenhaus, es kann nicht gerettet werden. Tschernow filmt ihren Schmerz. Tote Menschen werden in Massengräbern bestattet. Währenddessen kommen die Angreifer immer näher, schließlich stehen Z-Panzer vor dem Gebäude, in dem die Reporter sind – sie sind nun schon hinter den enemy lines, und werden am vorletzten Tag von einer Spezialeinheit in Sicherheit gebracht.

Mir wurde bei diesem schwer erträglichen, aber wichtigen Film klarer, warum mich gerade dieser Krieg so ungeheuer empört: Von allen Grausamkeiten auf der Welt ist diese vielleicht die vermeidbarste. Russland drohte von der Ukraine nicht die geringste Gefahr, es gab nicht einmal einen Konflikt zwischen den beiden Staaten, es war ausschließlich Putins zunehmende Paranoia, die diesen Krieg erfand. Kriege waren immer schon Instrumente individueller Psychopathologien, dass das aber im 21. Jahrhundert immer noch so sein kann, schockiert mich: Raketen auf Wohnungen, Raketen auf Kinderspitäler, Raketen auf Theater, Raketen auf Strominfrastruktur, so viel Leid nur wegen eines isolierten Einzelnen, der einen riesigen Staat seinen Komplexen untertan macht – und dann den Nachbarn angreift. In diesem Film sieht man das Leid so nahe, wie es Berichterstattern nur möglich ist, die nicht selbst sterben wollen. Die Stimme von Tschernow ist schon in Sicherheit. Auch deswegen kommt sie wohl über ein Flüstern kaum hinaus. (Human Rights Film Festival Berlin)

Fair Play Chloe Domont USA 2023

Emily und Luke sind ein Paar. Sie wohnen zusammen, und arbeiten bei der selben Investment-Firma in New York. Ihre Beziehung müssen sie geheim halten – sie verstößt gegen company policy. Als Emily bei einer Beförderung wider Erwarten zum Zug kommt, wird alles schwierig. Luke war (wie selbstverständlich?) davon ausgegangen, dass er die besseren Aussichten hatte. Immerhin ist die Abteilung ein boy’s club. Nun lässt Chloe Domont die Sache recht systematisch eskalieren: mit waghalsigen Börsen-Wetten, Socialising im Strip-Club und krassen Auftritten in Büroräumen, in denen niemand eine Tür hinter sich zumachen kann (außer die nach draußen). Was wären die Optionen? Luke könnte sich einfach einreihen, sowohl in die Beziehung als auch ins Büroleben. Vielleicht würde die Beziehung das überleben? Aber auch das Begehren? Chloe Domont erzählt Fair Play letztlich doch als Geschichte eines gekränkten Mannes, der seine Souveränität erst wieder findet, als alles zu spät ist. Mit dieser Sorte urbaner Kolportage kann ich bei Netflix noch am ehesten etwas anfangen. Tolle Besetzung: Eddie Marsan, Rich Sommer aus Mad Men, Phoebe Dynevor, Alden Ehrenreich. (Netflix)

Upon Entry Alejandro Rojas + Juan Sebastián Vásquez Spanien 2022

Diego und Elena fliegen aus Spanien nach New York. Sie haben Einwanderungsvisa dabei, sind aber trotzdem nervös, vor allem Diego (das Prozedere vor und bei der Passkontrolle erscheint ihm «downright scary»). Sie müssen sich einer secondary inspection unterziehen lassen, werden in einen separaten Raum geführt. In verschiedenen interviews wird ihre gemeinsame Geschichte deutlicher, dazu verschiedene Weisen, sie einzuschätzen. Diego ist aus Venezuela (einem fucked-up country, sagt Elena einmal). Zu Beginn war aus dem Radio Text über Trump und die wall zu hören, das ist der größere Kontext. Upon Entry ist kompakt, spannend erzählt, exzellent geschrieben: der Thrill kommt aus der Situation (zwei Individuen stehen an einem Wendepunkt ihres Lebens einer schwer lesbaren, fremden Übermacht/Staatsmacht gegenüber, die mehr über sie zu wissen scheint, als sie selbst voneinander wissen). Erzählerisch eine Gratwanderung, die ziemlich perfekt gelingt, denn die ärgste Immigration-Folklore aus den Jahren nach 9/11 und unter Trump ist ja derzeit wieder ein bisschen historisch, hier macht alles quasi auch für ein nicht vollkommen paranoides System Sinn, denn man denkt ja die ganze Zeit mit: Ist das rational, was da gerade geschieht, oder Terror? Es ist rational, fühlt sich aber an wie Terror. (International Film Festival Mannheim Heidelberg IFFMH)

The Sweet East Sean Price Williams USA 2023

Lillian, die sich auch manchmal Annabel nennt, hat gerade ihre Jungfräulichkeit hinter sich gebracht (mit einem Jungen namens Troy). Von einer Klassenfahrt nach Washington büxt sie aus, oder ist das gar nicht das richtige Wort? Sie gerät einfach auf andere Wege, sie folgt Momenten, einer intuitiven Bewegung. Sie landet bei Lawrence (Simon Rex), einem leicht manischen Akademiker und Bildungsbürger und Rechtsradikalen, der sie für eine Weile bei sich aufnimmt, in dieser Viertelstunde oder so ist der Film nahe bei Lolita. An dem Punkt aber, an dem diese Beziehung aporetisch (oder banal) wird, nimmt der Film eine großartige Wendung, und dann steigert sich das Prinzip Überraschung (Drehbuch: Nick Pinkerton) noch ein paar Mal. Auch eine Gratwanderung, mit einer traumwandlerischen, erotisch aufgeladenen Frauenfigur (Talia Ryder) im Zentrum zahlreicher weirder, obsessiver Besetzungsakte, die sie aber alle nicht wirklich beeinträchtigen. In einer fantastischen Szene steht sie in einem viktorianischen Kleid einer Gruppe (radikaler?) Muslime gegenüber, und bekommt von einem (Auflösung der Spannung!) eine CD mit Bismillah-EDM mit auf den Weg. Der Weg führt aus dem Wunderland des süßen Ostens der USA zurück nach Hause, in eine Welt, aus der nun ein neuer, bewussterer Aufbruch erfolgen kann. (IFFMH)

Inside the Yellow Cocoon Shell (Bên Trong Vo Kén Vàng) Pham Thien An Vietnam 2023

Nach einem Unfall (zwei Motorräder kollidieren, zwei Menschen sterben) sieht Tienh sich mit der Verantwortung für seinen kleinen Neffen Dao konfrontiert: die Mutter ist eines der Opfer, der Vater Tam ist schon lange abwesend. Sehr ruhig erzählt Pham von einer behütenden Trauerarbeit und von Ritualen des Abschied, dies alles in einem christlich-vietnamesischen Kontext, in dem an einer Stelle ausführlich Rosenkranz gebetet wird, und in dem immer wieder auf die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Glaubens reflektiert wird. Ein Freund hat sich in ein Dorf zurückgezogen, er ist fromm, präpariert aber auch Hähne für Kämpfe. An einer Stelle sehen wir eine lange Fahrt zu einem alten Mann, der dann ausführlich von seiner Zeit im Krieg (auf der Seite des Südens, also gegen die Vietcong) erzählt, dies alles in einer verhangenen Atmosphäre, die Kamera immer diskret im Hintergrund oder außerhalb des Hauses. Irgendwann taucht eine Nonne auf, die sich als Jugendliebe von Tienh erweist, die Rückblende hat etwas Magisches in einem Gebäude, das vielleicht noch eine Ruine aus dem Krieg ist, auch das in Einstellungen, die immer offen auf die Landschaft und zugleich sehr intim sind. Die Jahreszeiten, die Feuchtigkeit, der Dreck auf den ungeteerten Straßen, der Dunst, man konnte das alles fast spüren. In einer grandiosen Szene filmt Pham einfach nur die Morgendämmerung in einer üppigen Vegetation, mittendrin zwei Hähne und ein akustischer Hahnenkampf. Das Publikum war drei Stunden höchst konzentriert dabei, ein paar Leute gingen (spät, aber doch noch vorzeitig), aber ich habe selten so intensiv das Erlebnis Kino gespürt, diese gemeinsame Konzentration auf das Fenster in eine andere Welt. Was hilt es dem Menschen, wenn er sein Leben gewinnt, aber seine Seele verliert? Dieses durchaus rätselhafte Jesus-Wort könnte als Idee für den ganzen Film dienen. (IFFMH)

Omen (Augure) Baloji Belgien/F/DR Kongo 2023

Koffi und Alice leben in Paris zusammen. Sie erwarten ein Kind. Nun möchte Koffi noch den Segen von seiner Familie einholen, er hat sogar eine Aussteuer zusammengekratzt. Die Familie lebt in der DRK (Demokratische Republik Kongo). Der Vater arbeitet in einer Mine, er entzieht sich der Begegnung mit dem Sohn, das ist eine Form von Suspense: warum kommt Koffi an ihn nicht heran? Warum kommt der Vater nicht von der Arbeit zurück? Baloji konfrontiert verschiedene belief systems miteinander. Koffi könnte man als verwestlicht bezeichnen, er trifft auf Formen von Zauberei, jedenfalls werden manche Vorgänge so gelesen. Seine Schwester Tshala ist eher nach Südafrika orientiert, sie muss sich mit einer Geschlechtskrankheit herumschlagen, die sie von ihrem (abwesenden) Freund bekommen hat. Gibt es dafür eine traditionelle Behandlung? Und schließlich rückt auch Koffis Mutter Mujila ins Zentrum der Aufmerksamkeit.  Augure heißt der Film auf Französisch, ich fand, dass Baloji eine gute Form für die Auseinandersetzung mit Ursprünglichkeit und Entfremdung gefunden hat. (IFFMH)

The Feeling That the Time for Doing Something Has Passed Joanna Arnow USA 2023

Die Autorin und Regisseurin Joanna Arnow spielt selbst die Hauptrolle in dieser Deadpan-Komödie über eine Frau, die als Sub verschiedene Verhältnisse mit Männern eingeht: jedes Mal ist auch die Submissivität ein bisschen anders, je nach dem Typ, der ihr auf der anderen Seite gegenübersteht. Erstes Bild: Ann und ein Mann im Bett, sie reibt ihr Geschlecht an seinem Schenkel, er schläft, es gehört zu seiner Rolle, dass er sich um ihre Lust nicht kümmert, sie möchte wahrgenommen werden, oder auch nicht – genießt sie in diesem Moment seine Distanz? Es sieht nicht so aus. Arnow ergänzt den verhaltenen Slapstick der «Sexszenen» mit Aufnahmen aus dem Berufsleben, wo ähnliche oder analoge Rollenspiele stattfinden. Dazu kommen Besuche bei der Familie, bei den beiden alten Eltern. Schwer zu fassen, wie die Komik genau funktioniert, ist sie vielleicht in erster Linie self condescending, wie man auf Englisch sagen würde, oder geht es um eine sukzessive Ermächtigung von Ann? (IFFMH)

An Endless Sunday (Un sterminata domenica) Alain Parroni Italien 2023

Alex, Brenda und Kevin sind drei junge Leute in Rom, die zwischen Stadtzentrum (Vatikan) und Peripherie hin und her unterwegs sind – am Stadtrand gibt es eine Großmutter, die den einzigen im Film erkennbaren familiären Bezug darstellt. Die drei leben in den Tag hinein, suchen Rauschzustände, aber auch Beschäftigungen. Brenda ist schwanger, will das Kind bekommen, mit dem ganzen Pathos eines jungen Lebens, das schon ein neues hervorbringt. Alain Parroni erzählt impressionistisch und epidodisch, in einem fahlen Licht, mit Hang zu großen Szenen: eine entscheidende Auseinandersetzung zwischen den dreien findet an einem Strand bei untergehender Sonne und mit wirklich beeindruckender Wolkenkulisse statt. Danach eskaliert etwas, und auch Parroni packt auf seine offensichtliche Virtuosität noch einmal eine Ladung drauf. Luca Guadagnino und Harmony Korine haben einen starken Konkurrenten / Mitstreiter gefunden. Lars Rudolph arbeitet in einer kleinen Nebenrolle als «Bauer» im Niemandsland zwischen Stadt und Land an seinem Image als Schrat. (IFFMH)

The Settlers (Los Colonos) Felipe Gálvez Chile/Argentinien 2023

Das Ende der Welt liegt von Chiles Tierra de Fuego aus gesehen im Osten, an der Atlantikküste. Dort landet Ende des 19. Jahrhunderts eine kleine Expedition, die eine Route für den Schafhandel erkunden soll: drei Männer, ein Schotte, ein Engländer und ein «mestizo» namens Segundo. Sie reiten los, der Film hat eine Menge Landschaft zu bieten («a land where there is freaking nothing», die Erstreckung wird in Tagen gemessen), zwischendurch gibt es ein Massaker an Indigenen (der Engländer hat Erfahrungen aus dem Genozid in Nordamerika), Segundo wird dazu gezwungen, sich auch schuldig zu machen (an einer Frau). Er sieht dem Rassismus schweigend zu. Man begegnet einem Colonel, der Erfahrungen im Transvaal gemacht hat (noch eine koloniale «Front» im Hintergrund dieses Films), er schwingt große Reden am Lagerfeuer und nimmt MacLennan, den Expeditionsleiter, später anal im Stehen. Mit dem Erreichen der Küste endet Teil 1, der zweite Teil spielt sieben Jahre später in Punta Arenas, wo der Agrarkolonist, der zu Beginn die drei Männer losgeschickt hatte, weit entfernt von der Hauptstadt eine kleine Insel der «Zivilisation», mit Hausmusik und Polstermöbeln, unterhält. Ein Politiker taucht auf, der sich für «justicia» interessiert, in Kontakt mit Indigenen treten und Näheres über mögliche Gräuel in Erfahrung bringen möchte. Er findet Segundo, der nun abgelegen mit seiner Frau Rosa lebt, und lässt einen kleinen Film kurbeln, zu dem sich Rosa nur widerwillig bereit findet, in die Kamera zu blicken. Ihre Resistenz verortet Felipe Galvez exakt am Ursprung des Kino (im letzten Bild fährt auch noch, wie bei den Lumières, ein Zug in einen Bahnhof, es folgen im Abspann Archivfilme aus dem kolonialen Chile): das Medium, das von Europa aus die Welt erkundete und objektivierte, holt sich hier in einer ambivalenten Bewegung noch einmal selbst an seinen Anfängen ein, in einem Moment der Verweigerung. Tolles Manöver. (IFFMH)

Red Rooms (Les chambres rouges) Pascal Plante Kanada 2023

In Kanada findet ein Prozess gegen einen Mann statt, der mutmaßlich drei Mädchen gefoltert und getötet hat, und davon Aufnahmen gemacht hat, die im «dunklen» Netz gegen viel Geld versteigert werden. Das Prozedurale an diesem Verfahren nimmt im Film großen Raum ein, die funktionale Sterilität des Raums spiegelt förmlich die andere des Schreckensraums, zwei Aufnahmen liegen vor (werden aber natürlich nur indirekt und in knappen Ausschnitten gezeigt), die dritte fehlt. Pascal Plante erzählt durch die Perspektive eines Prozess-Groupies: Warum Kelly-Anne so intensiven Anteil nimmt, wird nicht ganz deutlich, sie lebt in einem Hochhaus ein digitales Höhlenleben, verdient viel Geld beim professionellen Online-Pokern, und investiert das Ganze schließlich bei einer besonderen Auktion. Einen großen Twist gibt es nicht in Les chambres rouges, der Film begibt sich in erster Linie auf die digitale Rückseite der modernen Legende von den «roten Kammern» (einer neueren Version der früheren Snuff Movies), erzählt davon aber zum Glück nicht allzu spekulativ, sondern insgesamt plausibel und angesichts der grausamen Geschichte fast nüchtern. (IFFMH)

Südsee Henrika Kull D 2023

Ein Haus mit Terrasse und Pool rund dreißig Kilometer außerhalb von Jerusalem. Hier wollen Anne und Nuri ein wenig ausspannen, und auch arbeiten. Sie schreibt an einem Drehbuch, über einen israelischen Soldaten, der an einem Einsatztrauma leidet. Er liest Felix Weltsch, einen Autor, den ich davor nicht gekannt hatte, der mir dann aber am selben Tag (!) noch einmal in einem Text über Max Brod unterkam – eine kleine Laune des Lebens. Anne ist Deutsche, Nuri ist Israeli, sie kennen einander aus Berlin. Ihre Beziehung ist zu Beginn unklar (sie hält es für möglich, dass er schwul ist, er antwortet «Ne, eher nicht»), sie bleibt auch unklar. Jedenfalls aber sind sie in einem Verhältnis wechselseitiger Projektionen befangen, das Deutsche, das Jüdische, Israel, Deutschland, die wild wild West Bank. Nebenan wird ein weiteres Haus gebaut, das die Aussicht irgendwann verstellen wird – die Arbeit machen Palästinenser. Ein klug geschriebener und mit kleinen Interpunktionen gut inszenierter Film über ein vielschichtiges Verhältnis. (IFFMH)

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