Filme und Folgen (51)

Notizen: Oktober 2022

Totul nu va fi bine (Everything Will Not be Fine) Rumänien 2020 Adrian Pirvu & Helena Maksyom 2020

Adrian möchte einen Film über Menschen machen, die an den Folgen des Reaktorunfalls in Tschornobyl (russisch: Tschernobyl). Er ist selbst betroffen: seine (rumänische) Mutter war während ihrer Schwangerschaft mit ihm in der Ukraine, er wurde schon bald nach der Geburt und auch später immer wieder an den Augen operiert, wegen eines Glaukoms. Für seinen Film meldet sich Helena, eine junge Ukrainerin, die ebenfalls unter Kontaminationsfolgen leidet, in ihrem Fall ist der gesamte Stützapparat betroffen. Ihre Knochen sind ein ständiges Problem. Totul nu va fi bine erzählt von Begegungen mit Opfern der Katastrophe, in Belarus vor allem. Ein sechsjähriges Mädchen namens Milana (Milka), das an Knochendeformation leidet, hat eine besonders starke Szene, es zeigt sich hier auch, welche Spätfolgen des GAUs immer noch auftreten. Zugleich verschränken sich die Behandlungsgeschichten und die Liebesgeschichte von Adrian (Adichka) und Helena zu einem intimen Protokoll einer Beziehung, die zum Ende hin auf der Kippe zu stehen scheint. (Human Rights Film Festival Berlin Stream)

Bowling Saturne Frankreich 2022 Patricia Mazuy

Guillaume, ein Polizist, erbt von seinem Vater eine gut gehende Bowling Bar. Er könnte sie verkaufen, aber er bietet seinem Halbbruder Armand an, sie als Geschäftsführer zu übernehmen. Der will zuerst nicht, steigt dann aber doch ein, zieht auch in die Wohnung des Vaters, die stark von dessen Leidenschaft zeugt: der Großwildjagd in Afrika. Ein Jagdclub aus Freunden des Vaters trifft sich weiterhin im Bowling Saturne und erwartet Privilegien. Mazuy erzählt in zwei Teilen. Zuerst steht Armand im Mittelpunkt, er nimmt aus dem Lokal eine Frau mit zu sich, der Sex endet in einem brutalen, auch sehr brutal gezeigten Mord. Im zweiten Teil ermittelt Guillaume dann mehr oder weniger gegen seinen Bruder, zugleich wird mehr über die väterliche Autorität erkennbar, der die beiden Männer, der gut aussehende legitime Sohn und der verklemmt wirkende „Bastard“, entstammen. Eine Tierschützerin mit vietnamesischen Wurzeln wirkt eher wie eine dramaturgische Pflichtübung, nicht so sehr wie eine plausible Figur. Ein seltsam altmodisch wirkender Film, der mich nicht wirklich überzeugt hat. Geschaut habe ich ihn, weil ich Saint-Cyr von Mazuy sehr mochte. (Doclisboa Streaming)

War is a Tender Thing Philippinen 2013 Adjani Arumpac

Mindanao, eine große Insel der südlichen Philippinen, war lange von einem Konflikt zwischen Christen und (separatistischen) Muslimen geprägt. Adjani Arumpac nähert sich dieser Geschichte, indem sie sich mit ihrer Familie beschäftigt, zuerst Vater und Mutter, die schon lange getrennt sind, wobei der Umstand, dass der Vater Muslim, die Mutter Christin ist, nicht als „convenient excuse“ dienen soll (der Vater war auch lange im Staatsdienst, verteidigte also die territoriale Integrität). Im Hintergrund wird die Geschichte einer Migration erkennbar: 1927 kam der Vorfahr Modesto Rodin von Luzon nach Mindanao, mit einer Gruppe von homeseekers, also armen, landlosen Menschen, die im Süden eine Existenz suchten. Vieles bleibt angedeutet, zum Beispiel das konkrete Verhältnis einzelner Familienmitglieder zum Staat (auch konkret etwa zur Marcos-Diktatur), auch die Eigentumsverhältnisse bei Grund und Boden (der religiöse Konflikt als Verdeckung feudaler Interessen?), auch die Auswirkungen der japanischen Invasion im Zweiten Weltkrieg. Trotzdem vermittelt Adjani Arumpac ein aufschlussreiches Bild davon, wie der Krieg auf Mindanao ihr Leben geprägt hat. Und natürlich bekommt man die Landschaft zu sehen, eine potentiell reiche Gegend. (dafilms Stream)

Svidanie v Minske (A Date in Minsk) Belarus 2022 Nikita Lavretski

Ein Insert zu Beginn verrät, dass Nikita und Volha seit acht Jahren in einer toxischen Missbrauchsbeziehung sind. Nun spielen sie für den Film ihr (ein) erstes Date nach: man kennt sich von Tinder, trifft sich in einem Billardsalon, trinkt Bier und spielt Karambol. Dabei kann man sich gut unterhalten: über Geschlechterklischees (everybody loves bad boys), über das Kino (Nikita ist ein No-Budget-Filmemacher, der in Belarus eine eigene Bewegung hat: konchenny cinema), über „Demi-Sexualität“ (mit Nikita muss man sich erst einmal fünf Jahre über Animes unterhalten, bis er sich traut, Begehren zu entwickeln), über einen lokalen Komiker namens Dmytry Gordon (er hat Wortwitze ruiniert, weil er zu viele gemacht hat). Nikita und Volha treffen dabei sehr gut den so ein bisschen früh altersweisen Ton von jungen Leuten, die wenig Grund haben, an die Liebe zu glauben; am Rand taucht schließlich auch die Frage auf, ob es zulässig ist, im Land geblieben zu sein (angesichts der Vielen, die vor Lukaschenkos Repression geflohen sind), letztlich aber bleibt dies ein Film über nerdige Privatheit im Inneren eines Unrechtssystems. (Doclisboa Stream)

Fragile Memory Ukraine 2022 Ihor Ivanko

Der Großvater des Regisseurs lebt in Odessa mit seiner Frau. Er leidet an Demenz, und kriegt nur noch sehr wenig mit. Einige Rollen mit Fotonegativen aus den 1960er Jahren bringen den Film in Gang. Man sieht darauf den Großvater als jungen Mann, beim Filmstudium in Moskau, unter anderem mit einem polnischen Kollegen. Ihor Ivanko digitalisiert die Bilder mitsamt ihren immer wieder großartigen Beschädigungseffekten, und zeigt sie den Großeltern. Und er erzählt mit Zuhilfenahme von Filmausschnitten die Karriere von Leonid Burlaka nach, der in der Sowjetunion im Filmstudio von Odessa angestellt war, und dort nicht zuletzt zahlreiche Kriegsfilme gemacht hat. Ivanko bekommt so auch den Untergang einer Welt in den Blick, denn das Studio wurde nach 1991 mehr oder weniger abgewickelt. Die Filmrollen von damals werden schließlich in einen Lastwagen geschlichtet und nach Kyjiw ins Dowschenko Zentr gebracht, eine Lösung, von der wir heute wissen, dass sie auch nicht so dauerhaft ist, wie man vielleicht hätte hoffen dürfen – das nationale Filmarchiv droht in inkompetente Hände zu fallen. Ein wenig mehr hätte ich gern erfahren über die „Politik“ von Leonid (zumal an einer Stelle ein wenig unvermittelt sehr deutliche polnische Worte über den totalitären Aspekt der Sowjetunion fallen), aber das scheiterte eben auch daran, dass der Protagonist selbst in diesem halben Home Movie und halbem Archivfilm nicht mehr gesprächsfähig war. (Ukrainian Film Festival Berlin Colosseum Kino DCP)

 

 

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