Filme und Folgen (49)

Notizen: August 2022

Ori Raquel Gerber

„Ich bin eine atlantica“, so definiert sich die brasilianische Aktivistin Beatriz Nascimento, die in Ori die wichtigste Stimme ist. Es ist ihre Sicht auf die afrobrasilianische Geschichte und Mythologie, in die hier vor allem eingeführt wird (Ori bedeutet so viel wie Initiation). Der Film gehört in den Kontext zahlreicher Bemühungen um eine Stärkung des Schwarzen Bewusstseins in Brasilien in diesen Jahren um 1980. Nascimento betont die Idee von Quilombo, Widerstandsorte gegen die Sklaverei, die es in Brasilien schon im 17. Jahrhundert gab, vor allem Palmares wird immer wieder genannt als eine Landschaft, die bis heute als widerständiger Geschichtsort dient. Musik spielt naheliegenderweise eine zentrale Rolle, auch Rituale der afrobrasilianischen Religion (mit Verbindungen zum Beispiel zwischen Samba und Dogon). Spannender aber sind die Diskussionen auf Kongressen, an einer Stelle taucht schon damals die Frage auf, ob Identitäts- und Klassenpolitik einander gegenseitig behindern. Augenöffnend war dann auch, dass man in diesen Jahren das kleine Grenada als eine revolutionären Hoffnungsort sah, die amerikanische Invasion 1983, die dem ein Ende setzte, war für mich bisher in den Fußnoten der Geschichte vergessen. (Arsenal DCP)

O Sertao das Memorias José Araújo 1996

Der Sertao, der trockene Nordosten, ist eine der Schlüssellandschaften Brasiliens, nicht zuletzt auch durch zentrale Filme des Cinema Novo von Nelson Pereira dos Santos (Vidas secas) und Glauber Rocha (Antonio das Mortes). José Araújo kommt schon aus einer späteren Generation, für ihn ist der Sertao (auch aus biographischen Gründen) in den frühen 90er Jahren eine Erinnerungslandschaft: der Sertao das memorias. Seine eigenen Eltern spielen die beiden Hauptfiguren, Maria und Antero. Maria sehen wir zu Beginn mit einer Handlung, mit der sie Jesus zitiert oder auch aktualisiert: sie beruft Jüngerinnen, Fischerinnen an einem Seeufer. Der Sertao der Erinnerungen ist durchwirkt von solchen biblischen Referenzen, es scheint fast, als wären alle wesentlichen Bezugspunkte biblisch. Antero orientiert sich stärker an den jüdischen Topoi, aber auch die Apokalyptik spielt eine wesentliche Rolle (die vier Reiter der Apokalypse tauchen auch konkret auf). In religiösen Kategorien wird auch der politische Konflikt gelesen: zwischen dem Volk und dem Drachen, also einer ausbeuterischen Ordnung, die das Wasser auf private Zwecke umleitet, wogegen es im Film verschiedene Mobilisierungen gibt, zum Beispiel eine Petition, für die Frauen von Tür zu Tür in einer staubigen Kleinstadt Unterschriften sammeln (konkrete Orte, die genannt werden, sie Minaíma und der Bundesstaat Ceará, also eher weiter nördlich als der klassische Sertao von Glauber Rocha). Araujo verbindet seinen „prophetischen“ Sertao mit vielen dokumentarischen Szenen, in die sich wiederum volksmythologische Elemente mischen. Am Ende wechselt das Bild vom anamnetischen Sepia zu Farbmaterial und zu einer konkreten, positiven, grünen Fruchtbarkeitsutopie. (Arsenal 35mm) Foto: Arsenal

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