Der allmächtige Panzer

Mein Kanon: «Tsahal» (1994) von Claude Lanzmann

Tsava Haganah Leisrael, abgekürzt Tsahal. Die IDF (Israeli Defence Forces). Die Armee des Staates Israel. Jetzt ist wieder eine Zeit, sich diesen Film anzuschauen, der bei Claude Lanzmann im Zusammenhang zweier weiterer steht: Pourquoi Israel (1973) und Shoah (1985). In der Shoah war (das Volk) Israel ohnmächtig (auch dazu gab es schon entscheidende Ausnahmen, siehe dazu Sobibór, 14 octobre 1943, 16 heures), seit 1948 ist Israel als Staat nicht mehr ohnmächtig, aber immer noch massiv exponiert.

Der Film beginnt mit den Nachwirkungen des Yom-Kippur-Kriegs 1973, mit dem Schock, mit dem akuten Gefühl der Gefährdung. Allerdings klingt da auch schon der große Satz aus dem Sechs-Tage-Krieg 1967 nach: Der Berg ist in unserer Hand. Die Einnahme des Tempelbergs und von Ost-Jerusalem waren Triumphe der Tsahal. Aus den Erfahrungen der sechs Kriege zwischen 1948 und 1982 heraus entwickelt Lanzmann sein Bild von den Streitkräften. Es ist auf eine gewisse Weise fast erotisch, wie er auf die jungen Leute schaut, die sich für einen Fliegerlehrgang beworben haben (die Szene mit der Entscheidung, wer mitmachen darf und wer anderswo weiterdienen muss, ist eine Schlüsselstelle im Film). Israel verlangt von seinen jungen Menschen viel (ein langer Wehrdienst für Männer wie Frauen), zugleich sieht Lanzmann in dieser Generation mehr als nur die Gewährleistung einer militärischen Sicherheit.

Sie verkörpern für ihn die Identifikation der Juden mit ihrem Land. Sie sind Gesichter dieser Schicksalsgemeinschaft – they «shape the new Israeli type». Der «spirit of the omnipotent tank» ist allgegenwärtig. Israel musste eine eigene Rüstungsindustrie aufbauen, bis in kleine Details wird geschildert, wie ein Panzer wüstentauglich wird, und wie seine Besatzung vor den Auswirkungen von Artillerietreffern geschützt werden kann. Prominente Generäle/Politiker treten auf, Ariel Sharon mit seinen Schafen, Ehud Barak – man muss sie erkennen, es gibt in der Version, die ich sah, keine Inserts. Lanzmann betrachtet in langen Kamerafahrten und Flugaufnahmen das Land, das verteidigt werden muss ­– viel Wüste. Heldenkafte Kommandoaktionen werden erzählt, aber auch Lebensgeschichten, die in Polen beginnen und im Zeichen der Shoah stehen.

Nach dreieinhalb Stunden taucht ein neuer Aspekt auf: nun sind die Kriege bewältigt, nun ist Intifada, und die Tsahal steht im Dienst der Besatzung. Eine Gruppe am Rande von Gaza fragt Lanzmann: Do you feel the hatred of the Arabs? Antwort: Of course, they don’t have a reason to like us. Es folgt eine Soldatin, die an einem Grenzübergang Gepäck durchsucht, ein Mann sagt: wir falten unser Gewand erst zu Hause wieder zusammen. Tagelöhner bekommen eine Karte mit einem Barcode, die elektronisch gelesen werden kann – für sie wird der Grenzverkehr vereinfacht, das muss effizient gehen.

Wie kann die Tsahal ihre «Reinheit» bewahren? Lanzmann spricht Englisch und Französisch, für das Hebräische hat er eine Dolmetscherin dabei, dieses große Wort fällt auf Französisch («pure»). Mit dem Bericht der Landau Commission wird Folter («moderate physical pressure») gerechtfertigt. Lanzmann bringt dazu sehr kritische Stellungnahmen, unter anderem von David Grossman. Der Schlussteil gilt den Siedlungen (gebaut werden sie von Tagelöhnern aus den besetzten Gebieten). Hier treffen verschiedene Zeitrechnungen aufeinander: it has to be an interim, heißt es über die Besatzung seit 1967.

Dem steht gegenüber, dass für Fromme das Land seit 3500 oder 4000 Jahren Israel gehört (oder: das Land ist Israel): Abraham bought the land. Lanzmann räsonniert darüber, dass die arabischen Dörfer (eines ist in einem Zwischenschnitt kurz zu sehen) viel schöner in die Landschaft passen als die Siedlungen. Jewish settlements destroy the harmony. Er fragt auch nach der Möglichkeit eines Bürgerkriegs: Was, wenn der Staat den Rückzug der Siedler einmal mit Gewalt durchsetzen würde? Der Siedler, mit dem er spricht, sagt: diese Plätze hat der Staat ausgewählt. Der Film endet mit einer Umarmung. Lanzmann und der Siedler: agree to disagree. Big Widerspruch, big hug.

Mit seiner Bewegung erscheint mir Tsahal auch beispielhaft für die Situation nach dem 7. Oktober 2023: Israel sieht sich, auch jetzt, zu Recht in seiner Armee verkörpert, aber es kann sich Fragen nach der «Reinheit» (also der Legitimität ihres Handelns) und dem «Hass», den sie hervorruft, nicht verweigern.

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