Kreise ohne Zentrum

Warum scheiterte Diaspora? "More Awesome than Money" von Jim Dwyer

An die Nachricht vom Tod von Ilya Zhytomirsky kann ich mich noch gut erinnern. Sie stand eines Tages auf der Anmeldeseite zu Diaspora, jenem digitalen Netzwerk, auf das ich damals Hoffnung setzte, dass es eine Alternative zu Facebook eröffnen könnte. Genau genommen war diese Hoffnung im November 2011, damals nahm Zhytomirsky sich das Leben, schon ziemlich klein, denn es sah einfach nicht danach aus, dass sich viele Freunde zu einem Exodus aus FB entschließen würden. Die Sache verlief sich dann mehr oder weniger, irgendwann meldete ich mich auch nicht mehr an, heute wüsste ich nicht einmal mehr meine Logins von damals. Dabei ist das erst vier Jahre her.

Da ich aber weiterhin mit FB hadere, und weil mich die Sache mit Diaspora damals doch ziemlich beschäftigt hat, habe ich nun das Buch More Awesome Than Money von dem bei der New York Times arbeitenden Journalisten Jim Dwyer gelesen: eine Bubengeschichte, wenn man so will, in die der Autor wohl ziemlich „embedded“ war. Der interessanteste Effekt bei der Lektüre war gar nicht so sehr der eines Blicks hinter die Kulissen, obwohl es auch ein paar sehr anschauliche Schilderungen von Venture-Capital-Pitches und ähnlichen sozialen Formen gibt. Das Buch hat mir ein bisschen bewusst gemacht, wie unmerklich sich die Technikgeschichte an uns vollzieht. Die wichtigsten Dinge treten leise in unser Leben, ich könnte kaum sagen, seit wann ich eigentlich Dropbox auf meinen Rechnern habe, wann ich anfing, verschiedene Browser für jeweilige „Teile“ meines Lebens zu nutzen, und wie lange es wohl noch möglich sein wird, mit VPN-Software die eine oder andere digitale Schranke zu umgehen.

Diaspora war ein Projekt von vier Studenten der NYU, die sich nach einem Vortrag von Eben Moglen entschlossen, ein anderes Facebook zu „schreiben“, also zu programmieren. Sie stießen mit dieser Idee von Beginn an auf großes Interesse in allen Communities, die sich für offene Software, dezentrale Netzwerke, nicht abgeschöpfte Kommunikation einsetzten. Dazu kamen neue Möglichkeiten wie Kickstarter. So kam ein großes Projekt zügig auf den Weg: „Their job was to demonetize the soul“, schreibt Dywer nicht ohne Pathos über die „Diaspora Four“, die allesamt aus relativ gutstuierten Familien kommen: Dan Grippi, Maxwell Salzberg, Rafi Sofaer und Ilya Zhitomirsky.

Die Gründe für das Scheitern sind vielfältig, und man muss sie sich bei der Lektüre eher zusammensuchen: einer lag sicher darin, dass die vier Protagonisten mit der Aufgabe vielfach überfordert waren, nicht nur Zhytomirsky, der an seinen Fähigkeiten als Programmierer zweifelte und der psychische Probleme hatte. Immerhin arbeiteten sie mehr oder weniger aus einem Nerdzusammenhang heraus gegen Facebook und Google (das damals mit Google+ herauskam, wo die Diaspora-Circles übernommen wurden, die Idee, das digitale Sozialleben in Kreisen zu organisieren: Familie, Beruf, Stammtisch,...), und die ganze Unterstützung von den Codern dieser Welt musste auch koordiniert werden.

Mindestens so relevant aber ist der nie gelöste Widerspruch in der Konzeption von Diaspora: ein Netzwerk, das eigentlich von der Community selbst getragen werden soll (technisch wie inhaltlich) verträgt sich nicht mit Geschäftsideen. Die Diaspora Four ließen sich in Kalifornien mit Investoren auf Gespräche ein, ohne noch genau zu wissen, was sie eigentlich zu vermarkten hatten. Mozilla und Wordpress schwebten ihnen als Vorbilder vor, irgendwie dachten sie aber wohl doch auch daran, das „next big thing“ werden zu können. Diaspora als ein „open-source social-networking ecosystem that gives users control of their data and social graph“ - das klang nicht gerade nach dem ultimativen Investment.

Im Sommer 2012 hatte Diaspora zu einem bestimmtem Zeitpunkt 381,649 User, darunter aber wohl viele, die so wie ich nicht mehr darauf zählten. Ilya Zhitomirsky war tot, die Diaspora Four gab es nicht mehr, ihr Idee „had not penetrated popular culture“, schreibt Dwyer. Bleibt als Frage, von woher ein Netzwerk kommen könnte, in dem wir ungestört kommunizieren könnten. Wäre es nicht naheliegend, ein europäisches BürgerInnenNetzwerk öffentlich-rechtlich einzurichten? Einen digitalen Gemeinschafts- und Deliberationsraum, der öffentliche und private Räume enthalten könnte? In dem politische Willensbildung von unten betrieben werden könnte? Es wäre ein Infrastrukturprojekt ersten Ranges.

Jim Dwyer, More Awesome Than Money. Four Boys and Their Heroic Quest to Save Your Privacy from Facebook, 2014

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