Die großen Hoffnungen
Lektüre: «Kleine Leute» von Ernst Hinterberger
Der Wiener Volksschriftsteller Ernst Hinterberger war für mich eine große Entdeckung, als ich 2024 für ein Buch über die Fernsehserie Ein echter Wiener geht nicht unter recherchiert habe. Er war zu Beginn seiner Laufbahn für ein paar Momente in Kontakt mit der «richtigen» Literatur, wurde dann aber, nicht zuletzt wegen seines Erfolgs als Fernsehautor (Kaisermühlen Blues), als Lokalphänomen eingeordnet. Nach 1990 schrieb er dann vor allem Krimis, und damit war er als Schriftsteller endgültig abgestempelt.
Kurz davor aber erschien noch sein ehrgeizigstes Buch: Kleine Leute, der «Roman einer Zeit und einer Familie», eine Chronik der Jahre von 1897 bis 1934, womit für alle, die mit der österreichischen Geschichte in Ansätzen vertraut sind, klar ist: es geht um einen Weg in die Katastrophe, in den Austrofaschismus, aus dem schließlich die Eingliederung in den deutschen Nationalsozialismus folgt. Hinterberger erzählt diese Zeit am Beispiel der Familie Schubert, von der auf der ersten Seite die Übersiedlung vom zehnten in den fünften Bezirk geschildert wird. Carl und Julie haben gerade geheiratet, er hat eine Prüfung als Herrenschneidermeister abgelegt, damit ist eine Wohnung in einem neuen, vierstöckigen Haus, ist Zimmer-Küche-Kabinett in der Anzengrubergasse 5 realistisch. Das Kabinett soll als Werkstatt dienen, denn Carl wird als selbstständiger «Stückmeister» über viele Jahre und viele äußere Krisen hinweg erfolgreich sein. Der Verein der Wiener Schneidermeister ist böhmisch dominiert, hat also einen nationalistischen Einschlag, doch Carl ist schon weiter: er versteht sich als Wiener.
Wie konnten die Hoffnungen der Gründerzeit so enttäuscht werden? Hinterberger bietet keine Erklärungen an. Er erzählt, wie die Schuberts als Familie wachsen, wie Carl sich zunehmend bei den Sozialdemokraten politisch heimisch fühlt (wobei in der Sektion 16, in seiner Sektion, bald auch die ersten Antisemiten auftreten, die deklamieren, «daß diese Beikelesbankerten weggehören»). Interessant ist, wie er den Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit einem konkreten Ereignis verbindet: mit der Ermordung des Arbeiterführers Franz Schuhmeier am 11. Februar 1913. «Manche glaubten später, daß es mit einem lebenden Franzl Schuhmeier an der Parteispitze nie zu einem Weltkrieg gekommen wäre.»
Kein anderes Buch in meinem Leseleben hat mir bisher die Katastrophe des Ersten Weltkriegs so deutlich und im Sinne einer Geschichte von unten in ihren konkreten damaligen Auswirkungen verständlich gemacht und nahe gebracht wie Kleine Leute. Stefan, der «ungewöhnliche», auch ungewöhnlich begabte Sohn der Familie, wird besonders in Mitleidenschaft gezogen. Hinterberger, politisch wie seine Figur Schubert ein Sozialdemokrat, ordnet den Krieg auch entsprechend ein: «die Herrschenden in allen Ländern verteidigten ihren bisherigen Status, und die kleinen Leute hatten überall nichts zu reden». Eine andere Einordnung ist eher zivilisationshistorisch, mit einem Zug ins Mythische: «Gegen den Weltkrieg war der biblische Moloch direkt ein Tschapperl. Genügsam.»
In die Auseinandersetzungen der Ersten Republik nach 1918 sind die Schubert-Kinder auf unterschiedlichen Seiten einbezogen. Der Sohn Adolf wird zum Arbeitermörder, die Tochter Rosa findet mit dem Straßenbahner Pepi Kotter nicht nur ein persönliches Glück, sondern auch eine Nähe zu «revolutionären Zellen» (ein Motiv, das Hinterberger schon in einem Drehbuch für seinen Fernsehfilm Kurze tausend Jahre, 1975, auftauchen ließ, dort sind die Straßenbahner im Widerstand gegen die Nazis wichtig). Carl, der schon lange krank ist, davon aber nichts zeigen will, lässt sich in einem Verbrennungsverein einschreiben – eins von vielen kleinen Modernisierungsindizien, die mit der Sozialdemokratie assoziiert werden. Was hat diese politische Bewegung gebracht, die 1934 vorerst scheiterte? «Gemeindebauten, Kindergärten, Freibäder, einen Haufen besserer Gesetze und überhaupt viel, was vor dem Krieg undenkbar gewesen wäre», so wird einmal zwischenbilanziert.
Hinterberger ist als Autor auch an intellektuelle Voraussetzungen gebunden, die er so offenlegt: «Und weil sich irgendwann auch das menschliche Bewußtsein weiterentwickeln würde und die Menschen dann immer besser zusammenlebten, brauchte auch nicht alles angezündet zu werden.» Er ist, als Materialist, evolutionärer Optimist, und kennt dadurch auch keine richtige Tragik. Sein Gleichmut (er war auch bekennender Buddhist) prägt den Roman in vielerlei Hinsicht, und führt ihn zu einem bezeichnenden vorletzten Satz: «Als der Morgen des 12. Februar 1934 heraufdämmerte, war praktisch alles entschieden – aber nicht alle Beteiligten wußten das schon.» Der Bürgerkrieg ist kurz, die Sozialdemokratie mit ihrer Vorfeldorganisation, dem Schutzbund, ist dem gegnerischen Lager unterlegen, eine Vermittlung ist unmöglich.
Hinterberger schrieb Kleine Leute aus der Perspektive eines Comebacks der Sozialdemokratie: Österreichs Zweite Republik hatte eine ihrer besten Phasen unter dem SPÖ-Bundeskanzler Kreisky – für die Fortschritte in dieser Zeit sehe ich die Fernsehserie Ein echter Wiener geht nicht unter als Exempel, was mich auch dazu bewogen hat, darüber ein Buch zu schreiben, eine Geschichte eines Fortschritts, von dem ich generationell sehr stark profitiert habe. «Von der Familie Schubert, die in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts mit großen Hoffnungen aus Favoriten in die Margaretner Anzengrubergasse gekommen war, lebt (in den späten 1980er Jahren, BR) nur mehr die Enkelin Greti.» Diese Greti war Hinterbergers Lebensmensch.
Kleine Leute hat in der österreichischen Literatur einen komplementären Titel: Der Engel mit der Posaune von Ernst Lothar genießt (auch wegen einer Verfilmung mit Paula Wessely) ungleich größeres Prestige. Darin zeigt sich aber eben, dass Geschichte auch auf der Ebene ihrer Repräsentation tendenziell unfair ist: Es macht einen Unterschied, ob es um eine großbürgerliche Klavierbauerfamilie aus dem ersten Bezirk geht, oder um eine Schneidermeisterfamilie aus dem fünften. Diesen Unterschied wollte Hinterberger nicht auf sich sitzen lassen: «Kleine Leute werden eben leicht vergessen. ENDE» Seine Schuberts haben und bekommen von ihm ein Anrecht auf Unvergesslichkeit.
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