Filme und Folgen (64)

Notizen: Dezember 2023

Tiga Dara (Three Maidens) Usmar Ismail Indonesien 1956

Ein Witwer lebt mit Schwiegermutter und drei Töchtern Nunu, Nana und Neni in einem bürgerlichen Haushalt. Die ersten Szenen sind noch weitgehend in Innenräumen. Die Töchter stellen sich mit einem Lied vor, es ist der Geburtstag von Nunung, der ältesten. Sie ist 29 und steht schon ein bisschen unter Heiratsdruck. Ein Student der Rechte ergänzt die Gruppe als ungelenker (und finanzschwacher) Kavalier. Er heißt Herman. Es folgen Versuche, Nunu unter die Leute zu bringen. Der Vater lädt ein paar Männer ein, die sind alle alt. Auf einer Party mit moderner Musik fühlt sie sich nicht wohl. Die Musiknummern gehen durch alle möglichen Stile prä Rock’n’Roll (das Wort fällt sogar einmal, meine ich, es folgt aber ein Schnitt), Westliches und lokales Schlagergut gemischt. Ganz zu Beginn gibt es sogar die Andeutung einer erotischen Szene, als die Töchter sich umziehen, im Off, sie legen ihre Kleidungsstücke, auch einen BH, auf das Bett. Im Übrigen tragen sie meist landestypische Kleider, Röcke über die Knie, die attraktive Nana immer schulterfrei.

Nunu ist fast eine Ozu-Figur in einem tendenziell bollywoodischen Universum. Sie vertraut auf das Schicksal bei der Partnerwahl, es trifft sie bei einem Unfall in der Stadt, dem eine weitere Musiknummer vorausgeht, in der ihr die Männertypen der Ära vorgestellt werden: der Pilot, der erfolgreiche Unternehmer (dem die Stadt «gehört»), der Journalist. Dann wird Nunu von einem Motorroller angefahren, am nächsten Tag kommt Toto mit Blumen. Sie macht aber auf hard to get. Nun sehen wir zum ersten Mal das Haus der Familie von außen, eine suburbane Anmutung, ein Downtown liegt eher nicht gleich um die Ecke. Man muss motorisiert sein, oder Fahrradrikscha bemühen. Nun wird es ausdrücklich komödiantisch. Während Nunu hartnäckig zurückhaltend bleibt (und bügelt und kocht), lässt Nana sich von Toto ins Kino ausführen, die kecke Neni «übernimmt» derweil Herman, der sich einmal einen Jeep ausborgt, um den scooter von Toto zu überbieten (die Aktion endet mit einem gräulich trötenden Abschleppwagen). Die allgegenwärtige Autorität der Schwiegermutter (die immer ein Kopftuch trägt) sorgt schließlich dafür, dass Nunu nach Bandung geschickt wird, wo es eine Familie mit sehr vielen Cousins gibt.

Neni und der Vater fädeln eine Intrige ein, die Toto dazu bewegt, sich noch einmal um Nunu zu bemühen: sie ist, so scheinen es Briefe nahezulegen, im Begriff, die «politeness» des Ostens abzulegen, weil sie mit Joni ein Zimmer teilt und sogar «kissing» und «fondling» vorkommen (Joni ist, das kann man sich denken, der Kleinste der Cousins). Die Parade der Cousins kurz vor dem Finale (wie schon die der Kandidaten in der Stadt) stellt auch so etwas wie eine Leistungsschau des modernen Indonesien dar, sogar ein Künstler ist dabei. Der Islam spielt in keiner Szene eine Rolle. Nunu und Toto finden zusammen, Nana wird an Herman weitergereicht, Neni lacht sich mit Papa ins Fäustchen. Der Aberglaube, die zweite Tochter dürfte nicht vor der ersten heiraten, muss nicht herausgefordert werden. (Arsenal 60 und mehr Filme DCP)

Los hermanos del hierro Ismail Rodriguez Mexiko 1961

Drei Reiter auf einer trockenen Ebene, ein Vater mit zwei Buben. Sie singen ein Lied. Hinter einer Erhebung liegt ein Mann, der sie erwartet. Er erschießt den Vater in der Mitte. Damit beginnt ein zyklisches Geschehen, denn zwei Stunden später sind die beiden Buben wieder am selben Ort, nun Erwachsene, sie haben eine Geschichte der Rache, der Gewalt und Gegengewalt hinter sich. Angehalten werden sie dazu von ihrer Mutter, die als schwarze Göttin aus einem mexikanisch-antiken Mythos auch das letzte Bild beherrscht, eine imposante, bedrohliche Einstellung. Reynaldo ist der ältere, Martin ist schon als kleiner Junge «moody», er treibt mit seinen Unbeherrschtheiten Reynaldo vor sich her, der es ausdrücklich als Mann ohne Waffen versucht, aber in einer Welt der Gewalt keine Wahl hat. Für Martin führt der Weg von der Rache am Vatermörder recht direkt zu einer Existenz als pistolero, also als Auftragskiller.

Auf der Flucht vor ihrem (Martins) Ruf kommen die Brüder nach Asuncion, auf den Hof von Manuel, der eine schöne Schwester hat: Jacinta. Die liebt eigentlich Reynaldo, aber auch hier ist wieder die Impulsivität von Martin der entscheidende Faktor. Er entführt Jacinta, die dann nicht viel anders kann, als ihn zu heiraten, und ihrer Liebe zu Reynaldo zu entsagen (die Zweisamkeit der beiden hat einen metonymischen Höhepunkt beim Melken einer Kuh, die Szene ist sehr komisch und unverhohlen sexuell aufgeladen). Der Zeitsprung zwischen dem Jugendalter und der Erwachsenenalter der beiden Söhne (de facto Halbbrüder) ist eine der besten Montagesequenzen, an die ich mich erinnern kann: eine Antizipation einer «gottlosen» Welt, der Wind rüttelt an grotesken Bäumen, die Landschaft (sehr schwarzweiß) ist heillos exponiert, Unheilshimmel über Wüstenstaub. Die Mutter wird einmal mit einer solchen «wasserlosen» Ebene assoziiert. Starkes, mythisches Erzählen eingebettet in die lokalen Tänze und Lieder. (Arsenal Mexikanisches Populärkino DCP)

La corte de faraón Julio Bracho Mexiko 1944

Ein sehr entlegener Außenposten der «abendländischen» Traditionsprozesse. Ausgangspunkt ist eine zarzuela, eine spanische Form der Operette, aus dem Jahr 1910, Libretto von Guillermo Perrin und Miguel de Palacios, Musik Vicente Lleó, im Hintergrund darf man die Ägyptomanie des 19. Jahrhunderts erkennen, die hier parodierend und mit eindeutig anzüglichem Interesse aufgegriffen wird (sicalíptico ist der einschlägige spanische Begriff für diese Sexualisierung). Inhaltlich ein Verschnitt der biblischen Josephsgeschichte mit allgemeiner altorientalischer Mythologie, die dazu Gelegenheit gibt, viele «Babylonierinnen» tanzen zu lassen. Bracho eröffnet mit einer wunderbar verführerischen Szene, ein Palast mit verwinkelten Gängen, Tänzerinnen interagieren mit der Kamera und legen dabei immer den Finger auf den Mund, es soll wohl jemand nicht gestört werden, und tatsächlich stellt sich bald heraus, dass der Pharaoh schläft. Nicht auf seinem Bett, da liegen nur seine (phallischen) Insignien, sondern auf einer Chaiselongue daneben, Polster sind ein Stapel Bücher.

Der Pharaoh träumt, zuerst von einer vollbusigen Schönheit (der Busen ist unbedeckt, aber hinter einem Überblendungsschleier ein bisschen entschärft), dann von einer Kuh. Der Traum muss gedeutet werden, die Expertise von sieben Weisen wird eingeholt, Ergebnis: um Unheil vom Reich abzuhalten, muss ein unbesiegter Feldherr eine keusche Frau heiraten. Keusche Frauen sind am Hof des Pharaos nicht leicht zu finden, wie der dezidiert trottelige Pharaoh selbst am besten weiß. Eine Lota aus Theben wird aber aufgetrieben, sie soll Putifar (Potiphar) heiraten, der allerdings wenig Lust darauf zu haben scheint, und auch noch nach einer Pfeilwunde erektil beeinträchtigt ist (generell tut er es dem Pharaoh an Lächerlichkeit nahezu gleich). Putifar erwirbt auf dem Rückweg aus Syrien auf einem Sklavenmarkt, der wieder für mehrere «Darbietungen» erotischen Einschlags genützt wird, einen Sklaven: den keuschen Joseph (casto José), durch den er sich in der Hochzeitsnacht bei Lota vertreten lassen will. Putifar hat auch ein Weisengremium, die konsultieren allerdings die Encyclopedia Britannica. Die ganze Geschichte spielt in einem Fantasie-Ägypten, das mit zahlreichen Anachronismen durchsetzt ist (bei den Telefonen könnte man an die Telefoni-bianchi-Filme der italienischen 1930er denken, der Hof des Pharaos ist auch eine groteske Übertragung von Hollywood-Vorstellungen in ein imaginäres Inneres der Pyramiden).

Die Ausstattung und die Kostüme, alles ist auf eine übertriebene Weise hieroglyphisch, die Kinnfransen der Männer sind von so ausgeprägter Lächerlichkeit, dass man sie nur als Verhöhnung des alten Ägypten sehen kann. Unverhohlener kamen meiner Kenntnis nach kaum einmal zwei Wünsche bei Umschreibungen klassischer Geschichten zusammen: der Wunsch, sie einfach zum Aufhänger von Szenen für die Schaulust zu nehmen, und sie dabei gründlich zu entstellen, sich über unsere Verehrung alter Stoffe so richtig lustig zu machen. Ich weiß nicht, ob die alten Ägypter schon Kakao kannten, hier ertrinken sie darin, der Pharao zuallererst. Ein echter Kinohöhepunkt zum Jahresabschluss. (Arsenal Mexikanisches Populärkino 1940 -1970 DCP)

The Dunwich Horror Daniel Haller USA 1970

Der Philosoph Henry Armitage hütet ein kostbares Buch, ein Necronomicon, an dem ein junger Mann ausgeprägtes Interesse zeigt: Wilbur Whateley. Er interessiert sich auch für eine blonde junge Frau namens Nancy, die sich eines Abends bereit findet, Wilbur in das benachbarte Dunwich zu fahren. Dort lebt er in einem alten Haus, mit seinem wirr wirkenden Großvater. Weird Wilbur, wie er in der Nachbarschaft genannt wird, hat mit Nancy etwas vor, das mit dem Necronomicon zusammenhängt: ein Ritual, bei dem eine «frühere Rasse» wieder in ihre Herrschaft eingesetzt werden soll, The Old Ones. Denn man is a dismal creature, es muss ich was ändern. Dazu muss an einem Kultort (Devil’s Hopyard) eine kosmische Fruchtbarkeitszeremonie vollzogen werden.

Armitage tut sich mit einem lokalen Arzt namens Dr. Cory zusammen («I delivered all of you»), und auch Nancys Freundin Elizabeth gehört zu der Gruppe Realitätsprinzip, während Nancy sich nahezu widerstandslos von Wilbur bewegen lässt. Die Sache geht knapp aus, das Grauen kriecht schon hinauf zum Hopfenfeld des Teufels, die Natur pulst höllisch. Roger Cormans AIP adaptierte die berühmte Geschichte von H.P. Lovecraft, vor allem mit großartigen psychedelischen Farbeffekten. Lyrisch Nitraat, in diesem Fall bewusst und kunstvoll hergestellte Zerfallsprozesse, durch die sich das namenlose Grauen zeigen kann. Yog-Sothoth, so die Beschwörungsformel von Wilbur. Die geisterabwehrende Gegenformel von Armitage habe ich akustisch nicht ganz verstanden. (Datei)

Espaldas mojadas (Wetbacks) Alejandro Galindo Mexiko 1955

Rafael Campuzano ist einer von vielen, die sich von Schüssen von Wachtürmen an der US-amerikanischen Grenze nicht abhalten lassen, durch das Wasser des Rio Grande eine Passage nach Norden zu probieren. Er gehört zum Kontingent eines Schleusers namens Mendoza, der wiederum mit einem Arbeitsvermittler namens Sterling zusammenarbeitet. Ohne Papiere ist Rafael in den USA diesem overseer ausgeliefert. Er durchläuft dort für eine Weile das System, schuftet im Gleisbau, und wird Zeuge, wie den Ausgebeuteten der Lohn beschnitten wird (am Zahltag kommt dann jemand mit Frauen, und die Männer, die nicht schon beim Kartenspiel alles verloren haben, stehen brav für Bezahlsex an). Rafael beschließt, nach Mexiko zurückzukehren. In einem Cafe trifft er Maria de Consuela, eine pocha (Mexican-American). Er überredet sie, ihm zu folgen, sie wollen sich in einem Cafe Jim in Ciudad Juarez treffen, sie kann legal über die Grenze, Rafael muss noch einmal schwimmen.

Die Geschichte schließt mit einem ironischen Showdown für Sterling, der zum „Schwimmen“ gezwungen wird. Luis Villareal, komischer Sidekick und Lebenskünstler, beschließt, ebenfalls in Mexiko zu bleiben – ein Sommer in Acapulco. Der ein wenig hölzerne Hauptdarsteller David Silva (Typ Glenn Ford) passt zu diesem überdeutlichen Sozialdrama, das alle wesentlichen Stationen in Studioszenerien auflöst, in denen dann ausführlich, manchmal umständlich, gespielt wird. Wenn heute die Grenze zwischen USA und Mexiko weiterhin ein Brennpunkt ist, dann sieht man hier, dass das schon damals so war. Die patriotische Botschaft, es besser auf dem heimischen Arbeitsmarkt noch einmal zu versuchen, wird durch den frivolen Schlussakkord mit Louie/Luis auf die leichte Schulter genommen, ansonsten aber nimmt sich der Film sehr, fast staatstragend, ernst. (Arsenal)

Tahir‘s House Sultan Al-Abdulmohsen Saudi-Arabien 2023

Breaking Bad in Dschidda, Saudi-Arabien: Youssef arbeitet im Fischladen seines Vaters, gegründet 1409 AH. Seine Frau Aida hat ihn hinausgeschmissen, sie findet, er nimmt das Leben nicht ernst. Seine Strategien, sich bei ihr zu rehabilitieren, sind nicht über jeden Zweifel erhaben: Er möchte den Familienbetrieb auf traditionelle Medizin umstellen, konkret auf Kräuter, konkreter auf Habza, ein Potenzmittel, von dem nicht ganz klar ist, ob man das legal vermarkten darf. Vater Jumaa ist einerseits Kunde für das Remedium, er heiratet gerade noch einmal eine jüngere Frau, andererseits geht es auch um seine Autorität in der Familie. Großmutter Lutfia erweist sich als sehr versiert bei der Kräuteraufzucht und auch in logistischen und anderen Fragen, und selbst die kleine Schwester Aziza, die eigentlich nach Korea zum Studieren gehen wollte, steigt in das klandestine Unternehmen ein, für das allerlei Partner und Geldgeber und Verbündete gesucht und gefunden werden, nicht immer in perfekter Koordination.

Die Modeschöpferin Leen kennt jemand bei den Behörden und verspricht eine Genehmigung, hofft dafür auf die Liebe von Karim, dem besten Kumpel von Youssef. Der junge Mann mit dem Dutt ist der Sympathieträger, ein bisschen unbeholfen, ein guter Kerl, aber eben ein komischer Held – man kann mit ihm und über ihn lachen. Lange Zeit mehr über ihn. Die erste saudi-arabische Netflix-Comedy hat wohl deutlich ein internationales Publikum im Auge. Der Alltag in Dschidda ist post-beduinisch geprägt, Religion spielt so gut wie keine Rolle, die kaum einmal locker verschleierte Leen ist sogar eine dezidiert liberale Figur, und so kann man hier das ganze Spektrum an Optionen erkennen, das Saudi-Arabien derzeit seiner Jugend zu bieten hat – in einem Bereich, in den die Behörden eben so wenig wie möglich Zugang haben sollen. (Netflix 6 Folgen)

Der rote Berg Timo Müller Deutschland 2023

Mein Filmjahr endete mit diesem großartigen Fund. Auf eine Felsenlandschaft in der Gegend von Trier richten sich verschiedene Projektionen oder Obsessionen. Ein Volker, der zumeist nur mit seiner Stimme präsent ist, meint zu wissen, dass vor 3500 Jahren eine assyrische Stadt oder gar ein ganzes Königreich in der Mosel-Gegend untergeschlüpft ist. Man hätte es also mit einer Art altorientalischem Kyffhäuser zu tun, oder vielleicht sogar noch mit mehr, nämlich mit einer Expositur des Bösen an sich. Calvin und Jürgen, zwei weitere Protagonisten, leben jedenfalls in den schroffen Abhängen, zwei Höhlenbewohner, die allerlei Garn zu erzählen haben, zum Beispiel von den Metallanteilen in der lokalen Geologie, die aus dem Berg einen (Orgon-)Akkumulator machen.

Müller hält immer wieder die Kamera einfach auf die Natur, wer will, kann dann die Konturen eines Löwen in den Formationen erkennen. Komplettiert wird das großartige Szenario paranoider oder schalkhafter Latenz durch vier Jugendliche, die im Wald herumstreifen, sich dabei in einem nicht immer unanfechtbaren Jargon unterhalten (vieles ist «übelst», auch Ausdrücke wie «dreckiger Jude» oder «schwule Sau» fallen), und mit ihrem Übermut die Spuren der Experten der metaphysischen oder historischen Anomalie in Rheinland-Pfalz einsammeln. Ein fantastisches Stück höherer Blödsinn, und im Abspann dann noch ein echter Tease: Der rote Berg Komplex soll folgen, also eine Erweiterung (das Material, das hier verarbeitet wurde, stammt aus den Jahren 2011 bis 2016). Uraufführung war 2022 beim Filmfest München, einen Kinostart gab es wohl nicht. Jessica Krummacher war maßgeblich involviert. Ich hoffe, jemand gibt Geld für den Komplex. (Sooner)

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