Filme und Folgen (46)

Notizen: Mai 2022

Die Schlacht um Sewastopol Sergei Mokrizki Russland Ukraine 2015 (ukrainischer Titel: Nezlamna/Die Unzerbrechliche)

Im Rückblick muss man wohl von dem letzten sowjetischen Propagandafilm sprechen, er entstand 2013/2014 parallel zu den Protesten des Euromaidan, und wurde in beiden Ländern ein Blockbuster, ungeachtet der 2014 beginnenden Aggression Russlands gegen die Ukraine. Im Mittelpunkt steht Ljudmila Pawlitschenko, aus einer sowjetischen Musterfamilie (Vater ein ernsthafter Typ, arbeitet für den NKVD, Held der Bürgerkriegs, Spanien ist 1937 natürlich Konversationsthema). Auch die Schlacht von Bila Tserkva 1651 wird kurz erwähnt, ein wichtiger Moment ukrainischer Nationalgeschichte. Ljudmila (Jahrgang 1916) entscheidet sich 1937 zwischen Kino und Schießstand für die Waffe, die Szenen an der Nationalen Universität Kyiv sind ein sowjetischer Sommertraum, es folgt eine Strandszene in Odessa 1941 mit verschiedenen Liebeswerbern. Im Verlauf ihrer Karriere als Red Army Woman lernt Ljudmila eine Reihe von Kandidaten kennen, darunter auch eine große Liebe, von dem sie aber nur dessen Waffe behält. Sie erleidet während des Rückzugs auf die Krim schwere Traumatisierungen, muss sich danach immer wieder ihre Dienstbefähigung erstreiten, trifft schließlich einen Kollegen, mit dem sie sich in den Ruinen von Sebastopol auch körperlich liebt (super cheesy gefilmt), zwischendurch tötet sie mehr als 300 faschistische Okkupanten, den letzten in einer Duellsituation getarnt im Buschwerk, sie schließt ihm mit blutigen Fingern die Augen, nachdem sie noch sein Hochzeitsfoto angeschaut hat (der „Faschist“ war auch ein Mensch).

Das alles wird parallel zu einem Propagandaeinsatz in den USA im Jahr 1942 erzählt, wo Eleanor Roosevelt sich darum bemüht, Ljudmila „als Frau zu verstehen“, sie tritt dann aber doch nicht in dem schönen Kleid vor die Welt, das ihr die Präsidentengattin schenkt, sondern in Uniform, als Repräsentantin Stalins, und macht Werbung für die „zweite Front“. Mokrizki erzählt das sehr effektiv im Blockbustermodus, jede Szene ist mit Details aufgeladen (der Marienkäfer auf Ljudmilas Waffe!), wirkt aber auch wie ein Akkord in einem großen Orchester. Der Große Vaterländische Krieg bekam mit diesem Film in dem historischen Moment, in dem der Mythos durch Putins Kriegstreiberei zerbrach, ein letztes großes Symbol unter den Bedingungen des digitalen Blockbusterkinos der nuller Jahre. Sewastopol wurde trotz heldenhaften Widerstands eine Katastrophe für die Rote Armee, die Deutschen bezahlten ihren Sieg nach 250 Tagen auf der Krim aber schließlich mit Stalingrad. (DVD)

 

The Proud Valley Pen Tennyson GB 1940

Auf den Film kam ich, weil ich das Dowschenko-Kapitel aus dem Buch Masters of Soviet Cinema von Herbert Marshall gelesen habe. Derselbe Marshall und seine Frau Alfredda Brilliant schufen auch die Vorlage zu diesem Ealing-Studio-Drama um eine Bergarbeitergemeinde namens Blaendy in Süd-Wales 1938. Aus heiterem Himmel oder auf heiterer Landstraße taucht da ein Mann namens Dave auf, der auf der Suche nach Arbeit auf einen Zug aufspringt, und so schließlich nach Blaendy kommt, wo neben der Arbeit vor allem die choir practice wichtig genommen wird – an einem Tag namens Eisteddfod (ein walisisches Festival mit Wurzeln bis ins 12. Jahrhundert) steht ein Wettsingen an. Dave ist a colored bloke, also Schwarz, das stößt einigen auf, andere nehmen das nicht so wichtig und sehen den decent chap oder den good pal in ihm. Neben seiner mächtigen Gestalt (der Schauspieler Paul Robeson überragt alle) hat er noch einen Vorzug: seine Stimme, einen bottom bass like an organ (das Wort Orgel/Organ hier durchaus mit beiderlei Assoziationen). Bei der Familie des Chorleiters Parry erhält Dave eine Unterkunft, bald ist er gut integriert, die Parry-Kinder begleiten das Geschehen mit ihren Kommentaren. Der schon erwachsene Parry-Sohn ist in Gwen von der Post verliebt, deren Mutter allerdings Standesdünkel hat („I have money in the bank“), und auch das Postgeheimnis verletzt.

Man sieht in allen diesen Szenen die Kompetenz des britischen Studiokinos dieser Ära, jede Figur hat Charakter, man könnte auch in einer John Ford-Gemeinde sein. Bei einem Unfall stirbt Vater Parry, Robeson singt Deep River, die Grube bleibt danach geschlossen, Not greift um sich. Als letzten Ausweg schicken die Leute von Blaendy eine Deputation zu den owners in London. Fünf Männer gehen zu Fuß in die Hauptstadt, den letzten Streckenteil bestreiten sie mit Gesängen (singing our way to London). Dort kommen sie auch in Kontakt mit dem Weltgeschehen (HITLER THE PIRATE lautet eine Zeitungsschlagzeile), im Boardroom, den sie ohne Aufforderung und nach einer typisch liebevoll gestalteten Vorzimmerszene mit einer Sekretärin und einem Wachmann betreten, findet sich rasch eine nationale Lösung ohne klassenkämpferische Reibungen. Die Mine kann wieder in Betrieb gehen, dafür muss allerdings das Risiko einer Öffnung durch eine sealed section eingegangen werden, ein Wagnis, das auch ein Opfer erfordert: Dave erweist sich als Christusfigur (I am the way and the life, sagt ihm jemand hinterher), dafür hat Großbritannien nun mehr Kohle für den Kampf gegen den Faschismus. Nachschauen muss ich noch, ob die Wales-Folge in der Serie The Crown auf die Landschaft von The Proud Valley Bezug nahm, wie ich mich zu erinnern meine (der markante Berg).

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