Vorletzte Ruhestätte

Heilige Orte (1): Das Arafat Mausoleum in Ramallah

Während meines Besuchs in Jerusalem im Sommer war mir daran gelegen, zumindest ein paar wichtige Orte auf der anderen Seite aufzusuchen: also in den Gebieten, die man früher als Westbank/Westjordanland bezeichnet hat. Der Begriff macht heute nicht mehr viel Sinn, weil es sich dabei um eine zerrissene Landschaft handelt. Die Palästinensischen Autonomiegebiete machen gerade einmal 40 Prozent des Westjordanlandes aus, für den Rest muss der Status offiziell erst noch verhandelt werden, wo es sich nicht um jüdische Siedlungen handelt, bei denen ziemlich klar ist, dass man sie niemals einem palästinensischen Staat zuschlagen wird.

Ich wollte nach Ramallah, de facto derzeit die Hauptstadt der Palästinenser, jedenfalls derer, die nicht im Gazastreifen leben. In Ramallah ist auch Jassir Arafat begraben, das Mausoleum war einer der Gründe für diese Fahrt. Sie ist ganz einfach zu bewerkstelligen: Vom arabischen Busbahnhof in Jerusalem (nur ein paar Schritte über die Nablus Road vom Damaskustor entfernt) fahren (auch am Sabbat übrigens) fast stündlich Busse, die Kosten belaufen sich auf ein paar Schekel. Den Pass und die kleine Einreisebescheinigung nach Israel muss man natürlich dabei haben, bei der Hinfahrt wird man aber nicht kontrolliert.

Auf der knapp einstündigen Busfahrt (Ramallah ist von Jerusalem nur knapp 20 Kilometer nach Norden entfernt) bekommt man gleich einen Eindruck von der zerklüfteten Situation. Östlich verläuft mehrfach die Mauer (aka Sperranlage), man sieht auch jüdische Siedlungen, bald kommt man schon auf die dicht befahrene Hauptstraße, die durch Greater Ramallah verläuft. Man sieht überall intensive Bautätigkeit.

Das Mausoleum liegt auf dem Muqataa-Gelände etwas nördlich vom Stadtzentrum. Hier hat die Autonomiebehörde ihren Sitz. Die Ruhestätte für Arafat selbst besteht aus drei Teilen: dem eigentlichen Grab in einem von drei Seiten von Wasser umgebenen Kubus, einer Moschee mit einem Minarett, und einem Museum.

Unter dem Grab soll sich ein Stück Eisenbahngleis befinden, ein Symbol für die Vorläufigkeit der Ruhestätte: Arafat wollte auf dem Tempelberg begraben werden, seine künftige Umbettung ist nun ein Detail in der größeren Jerusalem-Frage. Ich habe ein wenig recherchiert, aber nirgends etwas zu der zwiespältigen Symbolik gefunden, denn Eisenbahngleise sind ja auch ein geläufiges Symbol für die (großtechnische und vernichtungslogistische Dimension der) Schoah.

Im Museum traf ich auf eine junge Palästinenserin, die dort als Guide arbeitet, und die diesen Job als ersten Schritt auf dem Weg zu einer diplomatischen oder politischen Karriere sieht: sie möchte irgendwann einen Staat Palästina in irgendeiner Funktion vertreten. Sie verkörpert auch am besten das spezifisch Sakrale dieses Ortes, bei dem es sich um kein religiöses Heiligtum handelt, sondern um ein Nationalmonument (mit dem bezeichnenden Detail, dass zu den Grabbeigaben von Arafat auch dessen Waffen gehören sollen).

Das Mausoleum liegt an der Grenze zwischen Ramallah und einem Dorf namens Al-Bireh. Der Weg zurück in die Stadt ist nicht lang, vielleicht fünfzehn Minuten. Ich ließ mir Zeit, und kam schließlich zu einem Lokal, in dem ich normalerweise nicht essen würde. Aber in Ramallah blieb mir angesichts eines Fast Food-Joints mit Louisiana-Küche kaum eine Wahl: ich kehrte bei Popeyes ein, aß einmal Püree mit Gravy, Coleslaw, dazu einen Pfirsichsaft von einem lokalen Unternehmen. In der LA Times fand ich später einen kleinen Bericht, der die Signifikanz dieses Etablissements hervorhob: denn die Kette beruht auf dem Franchiseprinzip, man kauft also beim Mutterunternehmen die Lizenz für eine Filiale. Und da stellen sich in Ramallah eben sofort die diffizilen Fragen, die insgesamt den Status der Palästinensischen Autonomiegebiete betreffen: kann man als Unternehmer direkt mit dem Headquarter in Amerika verhandeln, oder gehört man zu einer nationalen Abteilung, also letztlich doch wieder zu Israel?

In Ramallah kann man eine Menge Anzeichen für eine rege Wirtschaftstätigkeit sehen, allerdings investieren kaum westliche Marken, stattdessen ist eine der Folgen des kalkuliert in Unklarheit belassenen Status, dass vor allem die reichen arabischen Länder sich betätigen.

Hier noch ein Beispiel für die Isolation von Ramallah: ein Bekleidungsgeschäft in einer der vielen Malls in der Stadt. Statt des spanischen Weltkonzerns Zara findet man dort eben eine Abwandlung.

Ich blieb dann noch lange im Stadtzentrum. Es war ein großartiger, heißer, strahlender Tag. Hier eine typische Baulücke.

Auf der Rückfahrt bekam ich dann die Einseitigkeit der politischen Konstellation deutlich zu sehen. Nun ging es durch einen Checkpoint, das bedeutet, dass die meisten Passagiere den Bus verlassen und durch eine Kontrolle müssen. Ich traf auf zwei Frauen aus der Stadt, die in Berlin leben. Zwei Intellektuelle. Eine von ihnen hing ein paar Minuten in einer Drehtür fest, die gerade in dem Moment blockiert wurde, als sie durchgehen wollte. Es war keine große Sache, ich selbst wurde dann auch nicht groß behelligt, aber das Bild dieser Frau, die eine Weile hinter Gittern feststeckte, hatte doch Symbolcharakter.

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