Stadt der Schluchten

Eine Perspektive auf Jerusalem

Wenn man in Jerusalem von der König David-Straße zur Cinematheque kommt, biegt man am Mendes-France-Platz links ab, passiert das Menachem-Begin-Heritage Center, und überquert dann die Hebron Straße auf einer Fußgängerbrücke. Während des Jerusalem Film Festivals 2018 habe ich diesen Weg immer wieder genommen, und bin dabei häufig stehen geblieben, um den Blick nach Osten genauer auf mich wirken zu lassen, den das Foto hier nur unzureichend deutlich macht. Es ist nämlich eine bedeutsam strukturierte Landschaft, die dieser Blickpunkt eröffnet: im Vordergrund ist das Dach der Cinematheque, die als Gebäude und als Institution gleichermaßen interessant ist; sie liegt an einem Abhang gegenüber dem Zionsberg, dazwischen fällt steil das Hinnomtal ab; und dahinter erhebt sich dann Ost-Jerusalem und die komplizierte, von jüdischen Siedlungen und der Sperrmauer durchzogene Landschaft, die eigentlich irgendwann Teil eines palästinensischen Staats werden sollte.

Ein glücklicher Zufall brachte es mit sich, dass ich dieses Jahr während der Berlinale Vivian Ostrovsky vorgestellt wurde, Filmemacherin und Kuratorin, Weltbürgerin aus einer jüdischen Familie, die der Nationalsozialismus nach Brasilien verschlug. Ihr Vater war dort wirtschaftlich sehr erfolgreich, und ermöglichte schließlich mit einem gewichtigen Beitrag der Ostrovsky Family Foundation den Bau der Jerusalemer Cinematheque, die 1981 eröffnet wurde, und in der auch das Filmfestival stattfindet. Man wird nicht viele Orte auf der Welt finden, in denen man vor einer derart starken historischen Kulisse ins Kino gehen kann.

Auf das Hinnomtal war ich aus verschiedenen Gründen besonders neugierig. Es war mir in der Lektüre in den Monaten davor immer wieder untergekommen, weil ich mich für eine wissenschaftshistorische Nebensächlichkeit interessierte: Das Hinnomtal war in vorchristlicher Zeit schon als Begräbnisstätte gebräuchlich, und wird an manchen Stellen der jüdischen Bibel auch mit einem Kult mit klingendem Namen assoziiert - mit einer Gottheit namens Moloch. Der deutsche Alttestamentler Otto Eißfeldt zog in den 30er Jahren eine kulturhistorische Verbindung, die eine Weile populär war, heute aber als widerlegt gilt: dass der Moloch-Kult (in dem es auch Kinderopfer gab) etwas mit Karthago und punischen Kolonien zu tun hatte. Unabhängig davon ist der Name Hinnom noch in dem islamischen Begriff für Hölle präsent: Dschehenna, von der Hadschi Halef Omar häufig sprach, kommt von Gehinnom (Schlucht von Hinnom).

Ich hatte das alles im Kopf, als ich an einem Abend zwischen zwei Vorstellungen in der Cinematheque in das Hinnomtal hinabstieg. Es war tatsächlich ein Abstieg, und es passte gut, dass ich diese kleine Erkundung in der Abenddämmerung machte. Die Straße, die vom Jaffator und damit von der Altstadt herunterkommt, geht zuerst einmal noch relativ sanft nach unten, fällt dann aber einmal richtig steil ab. Ich wollte es nun wissen, und folgte dem weiteren Verlauf der Gey Ben Hinom Street, bis sie auf die Ma’alot Ir David Street stößt, und weil es da immer noch weiter nach unten ging, ging ich weiter. Erst an der Kreuzung zur Ras-Al-Amud-Street machte ich Halt, hier wurde das Gelände halbwegs flach. Es war inzwischen dunkel geworden, und ich befand mich im tiefen Ost-Jerusalem - zwei Araber, die einen kleinen Handyshop noch offen hatten, holten einen Bekannten herbei, der mich für 40 Schekel wieder nach oben brachte.

Später sah ich nach, und stellte fest, dass ich gerade einmal zweieinhalb Kilometer gegangen war, aber der Kontrast war unvergleichlich viel größer. Es war ein ganz anderes Jerusalem, das ich dort fand, die Abendstunde trug natürlich auch zu meinen Assoziationen bei. In Jerusalem überlagern sich eben ständig und mehr als an den meisten anderen Orten die Gegebenheiten mit dem Vorwissen.

Das war dann auch so, als ich es an einem anderen Tag unternahm, die dritte, auf dem Bild die sonnenbeschienene Ebene des Blickfelds auf meinem Foto zu erkunden. Ich kam dabei nicht auf diesen Berg, den man sieht, sondern stieß ein wenig weiter nördlich auf die Mauer: ich wollte nach Al-Eizariya, das biblische Bethanien. Für die zweite Hälfte meines Aufenthalts war ich in ein Hotel im Osten gezogen, das einen tollen Blick auf den Tempelberg hat. Von Ras al-Amud sind es keine zwei Kilometer nach Al-Eizariya, allerdings weigerte sich die Google-Karte, diese einfache Distanz für mich auszurechnen. Aus guten Gründen: man steht da nämlich plötzlich vor der Mauer - die Google nicht zeigt, aber auch nicht verschweigt, denn es rechnete für mich einen Umweg von mehr als 20 Kilometern aus.

Diesen Umweg nahm ich später auch, mit einem Taxifahrer, der mich von der anderen Seite an die Mauer brachte. In Bethanien besuchte ich das Grab des Lazarus, und versuchte vergeblich, mir die Agrarlandschaft vorzustellen, in der Jesus mit seinem Jüngern und Freunden die letzten Tage zugebracht haben mag. Der Taxifahrer, der mir eine Tour eingeredet hatte, brachte mich an diesem Tag auch noch an den Jordan, und zwar an der Stelle, an der angeblich Jesus getauft wurde, was heute vor allem Russen zu einem mimetischen Akt in einem kümmerlichen Bacherl inspiriert. Zu Mittag aßen wir in einem Restaurant in Jericho neben dem Berg der Versuchung. Mein Chauffeur hatte wohl einen Deal mit diesem „Temptation Restaurant“, ich war mit der Aussicht nach Jordanien und auf die schroffen Berge der Westbank aber sehr zufrieden.

Alle diese Dimensionen meiner Jerusalem-Reise (ich war auch in Ramallah, und, aus Gründen, die ich hoffentlich irgendwann erläutern kann, bisher sind sie zu spinnert, in Moza Ilit, einem Vorort im Westen) sehe ich in dem Foto enthalten, das ich auf der Fußgängerbrücke zur Cinematheque mehrfach gemacht habe.

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