Westlich von Tonga

Über den Science-Fiction-Roman "Sphere" (1987) von Michael Crichton

Das neueste Kontaktszenario in dem SF-Film Arrival hat mich auf den Gedanken gebracht, einen Roman noch einmal zu lesen, der mich vor vielen Jahren sehr gepackt hat: Sphere von Michael Crichton, erschienen 1987, als es noch eine Sowjetunion und einen Kalten Krieg gab, in der deutschen Übersetzung mit dem eher unpassenden Untertitel Die Gedanken des Bösen versehen. Crichton hat seine Thrillerszenarien in allen möglichen Welten angesiedelt, am bekanntesten ist wohl Jurassic Park geworden. Von Sphere gibt es auch eine Verfilmung durch Barry Levinson, die ich mir aber nie angeschaut habe. Die "Gedanken des Bösen" sind als Text sicher plausibler.

Als Erzähler fungiert ein Psychologe, der - ähnlich wie Louise Banks in Arrival - aus seiner alltäglichen Lebenssituation herausgerissen und an einen Ort der Begegnung verfrachtet wird. Dieser Ort liegt weit draußen im Pazifik ("west of Tonga") auf dem Meeresgrund, an der Oberfläche braut sich noch dazu ein Sturm zusammen. Nicht gerade ideale Umstände für Norman Johnson, einen Mann jenseits der 50, der sich zu Beginn vor allem auf seine mangelnde körperliche Eignung für einen Einsatz in extremis verwiesen sieht.

Das Habitat in der Tiefsee befindet sich neben einem Fundstück, das viele Rätsel aufgibt: ein Raumschiff aus der Zukunft, das aber schon einige Jahrhunderte unentdeckt da unten gelegen haben muss. Das Forschungsteam hat Norman selbst zusammengestellt, damals noch auf theoretischer Grundlage. Nun muss es sich bewähren: eine Reihe von fachlich hoch kompetenten Individuen mit sehr menschlichen Schwächen (einer hat einen Neil-Armstrong-Tick und öffnet keine Tür ohne ein Diktum "für die Ewigkeit").

Alle intelligenteren Kontaktszenarien (darunter auch der Film Contact mit Jodie Foster und neuerdings eben auch Arrival) haben in gewisser Weise eine reflexive Struktur (in Independence Day ist sie am wenigstens deutlich, aber auch da unvermeidlich): Das Unfassbare ("the most likely consequence of contact is absolute terror") muss irgendwie auf menschliches Maß gebracht werden. Das macht niemand so klug wie Crichton. Er kommt am Ende zu einer besonders radikalen Form von Schleife, und sein Kontaktobjekt ist schon von der Form her so beschaffen, dass es eher zurückwirft / zurückweist / zurückverweist, als dass es fantastische Dimensionen eröffnet.

Damit bekommt auch der Umstand einen Sinn, dass alles von einem Psychologen ausgeht und zu ihm zurückführt: Psychologie als Reflexion auf Projektion und Übertragung ist sowieso die Science-Fiction-Wissenschaft par excellence. Sphere bedient sich dabei aber keines dieser eskamotierenden Tricks (das Schiff ist im fiktionalen Universum des Buchs keine bloße Bewusstseinstatsache), mit dem sich alles schließlich wieder auf Null stellen lässt. Zwischendurch gibt es richtig Action, Crichton zieht da die Genreformel routiniert durch.

Besonders wird der Roman für mich durch seine listige Adaption der Freudschen Topik (die Überkapitel lauten: The Surface - The Deep - The Monster - The Power), und dann gibt es auch noch eine sehr schöne Pointe: Das unbekannte Wesen in Sphere trägt nämlich einen Namen. Es heißt Jerry. Kein besonderes Pseudonym, aber auch das macht Sinn. Denn wenn Gattungen miteinander sprechen, kommt es eben zuerst einmal nicht auf Originalität an, sondern auf Allgemeinplätze.

Michael Crichton: Sphere (1987)

Bei meiner bevorzugten Onlinebuchhandlung Osiander

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