Watermelon Man

Lektüre: "The Sellout" von Paul Beatty

Im Herbst 2016 war ich wegen der Viennale in Wien, als mich eine Anfrage erreichte, ob ich kurzfristig eine Kleinigkeit über Paul Beatty schreiben könnte, der den Man Booker Prize zugesprochen bekommen hatte. Ich wusste gerade so viel über ihn, dass ich mir das zutraute, bestellte dann aber vor allem gleich ein eBuch von The Sellout (für das er die Auszeichnung bekam) und las drei Stunden hinein. Dann schrieb ich den Text, und dann kam ich, wie das oft so ist, lange nicht dazu, das Buch fertigzulesen. Nun bin ich durch, der Rest ging auch wieder nahezu in einem Schwung. Ich bin begeistert.

Die weiterhin brisante Frage, was es heißt, in Amerika schwarz zu sein, beantwortet Beatty mit einem furiosen Vortrag, auf dessen Grund ein geflüstertes, laut vernehmbares Wort liegt: „Well, I’ve whispered racism in a post-racial world.“ Die brisante Idee, auf die der Erzähler in The Sellout verfällt, bringt ihn bis zum Obersten Gerichtshof: er geht nämlich daran, den Stadtteil Dickens in Los Angeles zu resegregieren. Dickens ist „the hood“, also der schwarze Stadtteil par excellence, halb Lebenswelt, halb Topos. Der Erzähler möchte Dickens (das es so nicht gibt, das man aber in South Central LA verorten kann) wieder auf die „Karte“ bringen, und er beginnt dann, Schilder aufzuhängen, die im Grunde die Zustände vor der Bürgerrechtsbewegung wiederherstellen, nun aber unter anderen Vorzeichen - man könnte, in einer Volte, die Beatty selbst nicht verwendet, von einer umgekehrten „affirmative action“ sprechen, von einer positiven (Selbst-)Diskriminierung.

In seiner unnachahmlichen Parlance (und in einer schönen Parodie juridischen Satzbaus) klingt das so: „we’ve established the legal quandary here as to whether a violation of civil rights law results in the very same achievement these heretofore mentioned statutes were meant to promote, yet have failed to achieve, is in fact a breach of said civil rights.“

The Sellout ist Identity Politics mit jeder Faser, mit jedem Wort einer Sprache, die man sich am besten mündlich vorgetragen vorstellt, als rant (mein Traum wäre ein Audiobuch von The Sellout, gelesen von JB Smoove aus Curb Your Enthusiasm, aber das würde Beatty Unrecht tun, der das selber gut kann), als Standup, als großer Wortschwall.

Der Erzähler, der den Konditionierungen durch seinen Vater, einen behavioristischen Psychologen, entkommt, indem er sich als „inner city farmer“ auf Weed (sein Gras heißt „Ataxia“!) und Wassermelonen spezialisiert, beruft sich auf eines der ältesten Motive der afroamerikanischen Emanzipation: „forty acres and a fool“, das ist im Grunde er selbst als Resultat seines „hog-tied upbringings“. Sein Vater „swore up and down I was nannied and mammied by a sow named Suzy Q and was the loser in a piglet versus niglet rivalry to a porcine genius names Savoir Faire.“ Ferkel versus Niggel? Auf eine deutsche Übersetzung von The Sellout dürfen wir gespannt sein. „Why you niggers talk so black, dropping the g’s in your gerunds here, but on your little public television appearances you motherfuckers sound like Kelsey Grammer with a stick up his ass.“

Der erste therapeutische Fall für den Mann, der an Stelle seines von der Polizei erschossenen Vaters zum „nigger whisperer“ in der Gegend wird, ist ein Greis namens Hominy Jenkins, mit dem Beatty ein besonderes Stück Filmgeschichte in den Blick nimmt. Denn Jenkins ist „the last surviving member of The Little Rascals“, einer Serie aus der Zeit vor dem Fernsehen, also auch aus einer Zeit, in der Rassismus noch weitgehend selbstverständlich war.

Dieser Hominy möchte am Ende seines Lebens zurück in die Zeit vor dem Postrassismus, und begibt sich (auch das eine langfristige Folge von Konditionierungen) beim Erzähler in „human bondage“. Gemeinsam mit Hominy macht der Erzähler sich auf, die verlorenen Folgen von Little Rascals zu bergen, um durch ihre Sichtung (wie durch die Resegregation von Dickens) die Doxa zu durchbrechen, Amerika wäre eine „post racial society“. Bezeichnenderweise beschwert sich an dieser Stelle ein Mexikaner: „At least you people have a Hollywood history. What we got? Speedy Gonzalez.“

Die paradoxe Intervention findet schließlich bei Gericht Verständnis – durch einen vietnamesisch-amerikanischen Richter, der auch zu komplexen Formulierungen in der Lage ist: "In attempting to restore his community through reintroducing precepts, namely segregation and slavery, that, given his cultural history, have come to define his community despite the supposed unconstitutionality and nonexistence of these concepts, he’s pointed out a fundamental flaw in how we as Americans claim we see equality."

Das Urteil zeugt dann nicht nur von Weisheit, sondern auch von Witz (immer noch einer der besten Waffen in den Kulturkämpfen der Gegenwart, auch wenn sie täglich stumpfer zu werden scheint): "Bail is set at a cantaloupe and two kumqats."

Paul Beatty: The Sellout, Oneworld Publications

Ein interessanter Text aus dem Guardian

Ein Gespräch mit Paul Beatty

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Kommentare

Kommentar von Bert Rebhandl |

Die Dichterin und Übersetzerin Sissi Tax hat einen besseren Vorschlag für die Übersetzung von "piglet versus niglet" gemacht: "Schweinderl versus Negerl". Das klingt österreichisch, und ist es auch. Österreichisch ist halt doch das Ebonics des Deutschen.

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