Fenster zum Platz

Lektüre: "Des Vetters Eckfenster" (1822) von E.T.A. Hoffmann

Vor einigen Tagen hatte ich Gelegenheit, ausführlich mit Viktor Kossakovsky zu sprechen, dem russischen Filmemacher. Zur Vorbereitung sah ich mir einige seiner Filme noch einmal an, und stieß dabei auch auf Tishe, den ich noch nicht kannte: eine Tatsachenkomödie, gefilmt aus einem Fenster in St. Petersburg.

Das literarische Vorbild stammt von E.T.A. Hoffmann: die Erzählung Des Vetters Eckfenster aus dem Jahr 1822. In Abwandlung des berühmten Titels von Hitchcock könnte man auch sagen Front Window oder Fenster zum Platz. Der Platz war der Gendarmenmarkt. Hoffmann wohnte damals in der Taubenstraße, sah also von hinten auf das Schauspielhaus, er malte sich aus, was er in der Erzählung zu sehen vorgab: „aus dem Fenster eines kleinen Kabinetts übersieht er mit einem Blick das ganze Panorama des grandiosen Platzes“, schreibt der Erzähler über seinen Vetter, einen gehbehinderten, alten Schriftsteller, dem durch diese Perspektive „das bunte Leben aufs neue aufgegangen“ ist.

Er blickt auf ein Marktgeschehen. Der Erzähler gewinnt den „Eindruck eines großen, vom Winde bewegten, hin und her wogenden Tulpenbeets“, der Vetter sieht viele Szenen „würdig von dem Crayon eines Hogarth verewigt zu werden“. Hoffmann war auch Zeichner, die Beschäftigung mit dieser Kunst (von Callot über Chodowiecki bis zu immer wieder Hogarth) durchzieht auch seine Texte. Mit der Beobachtung erwacht die Vorstellungskraft. Die beiden Männer malen sich zu den Figuren, die sie sehen, etwas aus, und machen sich Komplimente für „was du da herauskombinierst“.

In die Beobachtung eines lesenden Blumemmädchens drängt sich eine Rückblende in die Zeit, als der Vetter noch beweglich war, und („vor langer Zeit“) selbst auf dem Markt unterwegs war. Schon damals sah er die Blumenverkäuferin, die Beobachtung „kitzelte mich mit der Ahnung, daß es eins meiner eigenen Werke sei, was eben jetzt das Mädchen in die fantastische Welt meiner Träumereien versetzte“. Sie äußert sich auch, auf die Lektüre angesprochen, im weitesten Sinn literaturkritisch: „ein gar schnackisches Buch“. Der Vetter, geschmeichelt, gibt sich zu erkennen, und rechnet mit einigem Erstaunen darüber, dass „das sublime Genie, dessen schaffende Kraft solch ein Werk erzeugt, so plötzlich bei den Geranien erschienen“ war. Aber das Mädchen weiß gar nicht, was ein Autor ist. Es liest Bücher einfach so. „Es fand sich, daß das Mädchen niemals daran gedacht, daß die Bücher, welche sie lese, vorher gedichtet werden müßten. Der Begriff eines Schriftstellers, eines Dichters, war ihr gänzlich fremd, und ich glaube wahrhaftig, bei näherer Nachfrage wäre der fromme kindliche Glaube ans Licht gekommen, daß der liebe Gott die Bücher wachsen ließe, wie die Pilze.“

Der Blick von oben auf das „Abbild des ewig wechselnden Lebens“ und auf das „Hökervolk“ ist auch durchsetzt mit pädagogischen Motiven, die mitten hinein in die Berliner Klassik versetzen: Denn mit dem Berliner Volk ist nach Napoleon und den Befreiungskriegen „eine merkwürdige Veränderung vorgegangen (...) (es) hat an äußerer Sittlichkeit gewonnen ... selbst unter gemeinen Mägden und Tagelöhnern (zeigt sich) ein Streben nach einer gewissen Courteoisie (...), das ganz ergötzlich ist ... (eine) Geschmeidigkeit der äußern Sitte.“ Dieser Bildungsfortschritt hat aber auch einen Preis: „(manche) meinen, daß mit dieser Abgeschliffenheit der Sitte auch das Volkstümliche abgeschliffen werde und verlorengehe“.

Des Vetters Eckfenster hat in der Ausgabe, die ich besitze, knapp dreißig Seiten, ist also in einer schönen Morgenstunde, wie ich sie heute hatte, zu lesen. Beschäftigen kann man sich damit allerdings noch lange, ganz so wie mit Hitchcocks Klassiker - und mit Kossakovskys Tishe - hier die letzten Minuten daraus.

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