Eine edle Aufgabe

Lektüre: "Gewalt und Gelächter" (1964) von Albert Cossery

Eine der Notizen, die ich mir in Toronto beim TIFF während der Vorführung von Godards Le livre d’image machte, war der Name eines Schriftstellers, der mir davor unbekannt gewesen war: Albert Cossery. Ein frankophoner Ägyper aus einer koptischen Familie, von dem ich bald feststellte, dass nur sehr wenige seiner Werke ins Deutsche übersetzt wurden, und die sind heute auch vergriffen. Ich bestellte ein antiquarisches Exemplar von Gewalt und Gelächter, erschienen 1984 bei Schelzky & Jeep, einem Kreuzberger Verlag, dessen Geschichte ich bei Gelegenheit ein wenig nachgehen möchte. Die Übersetzung von Antje Pehnt wurde aber offensichtlich schon in den sechziger Jahren gemacht. La violence et la dérision erschien 1964, der deutsche Titel Gewalt und Gelächter trifft die Pointe des französischen dérision nicht hundertprozentig, aber die alternativen Möglichkeiten Verlachung oder Verspottung hätten dem deutschen Titel ein bisschen an Geläufigkeit genommen.

Das Thema des äußerst gut lesbaren, dabei niemals trivialen Romans ist das revolutionäre Bewusstsein. In einer namenlosen Stadt am Mittelmeer (man darf wohl am Damiette denken, im Nildelta ein wenig westlich von Port Said, die Familie von Cossery kam von dort, er selbst kam 1913 in Kairo zur Welt) herrscht ein Gouverneur. Sein Regime zeichnet sich dadurch aus, dass er die Polizei auf Bettler und Prostituierte hetzt: Armut wird nicht politisch bekämpft, sondern mit Regierungsgewalt, die Regierung aber ist korrupt und illegitim. Unter den jungen Leuten, von denen Cossery erzählt, ist das klar.

Die Frage ist nur, wie dagegen vorzugehen ist. Die Figur, die für eine klassische Strategie steht, führt Cossery erst spät ein: Taher, einen richtigen Revolutionär, der für sich beansprucht, das Volk zu vertreten, und der Bomben werfen möchte. „Kampf oder Untergang“, lautet seine Devise. Taher verzweifelt an einer Gruppe von jungen Leuten, die andere Ideen von Opposition oder Veränderung der Verhältnisse haben. Sein Gegenspieler Heykal initiiert eine Kampagne, die den Gouverneur mit Plakaten angreift, auf denen seine Verdienste über Gebühr gelobt werden: Gegenpropaganda durch Übertreibung. Mit einem Wort, das Cossery nicht verwendet, könnte man von Subversion sprechen. Oder von einer Spaßguerilla, aber das trifft den Ernst der Sache nicht ganz.

Ein Dialog zwischen Taher und Heykal trifft den zentralen Punkt - und das wichtigere Wort im Titel: „Du vergisst das arme Volk“, wirft Taher ein. „Es kann nicht lachen.“ „Bring ihm das Lachen bei, Taher Effendi. Das ist eine edle Aufgabe.“ „Ich weiß nicht. Ich selbst habe das Lachen nicht gelernt. Und ich will es auch nicht lernen.“

Rund um diese beiden jungen Männer ordnet Cossery mit nahezu perfekter erzählerischer Ökonomie noch eine kleine, gesellschaftlich repräsentative Figurenwelt an: einen weiteren jungen Mann, Karim, der die Entwicklung von Taher zu Heykal vertritt, und der die eigentliche Hauptfigur des Romans ist; eine höhere Tochter; einen Lehrer mit einer psychisch kranken Mutter (in der Heykal eine hochinteressante „Legitimation“ seiner Position findet); einen illiteraten Kaufmann, der mit Methoden, die er im Gefängnis gelernt hat, sehr reich wurde; ein junges Mädchen, das sich mit Karim einlässt, während er sie anfangs für eine Prostituierte nimmt.

Die Szene am Morgen nach der ersten Nacht mit diesem Mädchen steht am Beginn des Romans und zeigt gleich, was für ein herausragender Erzähler Cossery ist: Karim hat kein Geld, er muss dem Mädchen also etwas vorspielen, er möchte sie dazu bringen, von sich aus nichts zu verlangen, indem er ihr Hoffnungen auf mehr (Liebe? Unterstützung? Auskommen?) in der Zukunft macht. Damit wird auf subtile Weise ein Verhältnis etabliert, das am Ende für die ganze Sache relevant wird.

Cossery ist besonders gut darin, die Figuren ständig in Konstellationen zu bringen, aus denen etwas für das Zentralthema erhellt. Dieses Thema würde ich in einer Art Durchbrechung der revolutionären Mimesis sehen: Taher spiegelt seine Gegner bloß, er ist „eitel“ in dieser Abbildung, die schließlich doch nur neue Tyrannei hervorbringen würde. Heykal und sein Kreis aber stehen für eine Überwindung der Verhältnisse, wobei es durchaus in Kauf zu nehmen ist, dass die erreichte Freiheit zuerst einmal nur eine innerliche ist - oder eine zeichenhafte, wie sie Karim vormacht, der sich auf das Basteln von Drachen verlegt, und der mit seinen Papierdingen im Wind zumindest symbolisch anzeigt, wie man sich der replizierenden / reproduzierenden Gewalt entzieht.

Gewalt und Gelächter ist ein kleines Meisterwerk der unsermeerigen Literatur: Cossery steht für einen gemeinsamen Kulturraum zwischen Kairo und Paris, wie er einmal bestand (über seine intellektuellen Beziehungen werde ich versuchen, mehr zu erfahren, ein wenig situationistisch angehaucht kann einem der Roman schon vorkommen), und wie ihn Godard mit seinem mysteriösen Arabismus in Le livre d’image auch zu beschwören scheint. Eine arabische Moderne, die an Taherismus (Nasserismus, ...) scheiterte, und an dessen Spiegelungen in einem europäischen Kolonialismus, der gerade neue Gewalttaten gegen die Bettler dieser Welt ausbrütet.

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