Filme und Folgen (9)

Notizen: April 2019

Maddalena (Augusto Genina, 1954)

Ein Provinzkapitalist spinnt eine Intrige gegen einen Pfarrer, weil der die Servilitätsverhältnisse aus dem Lot bringt. In dem Dorf, das pittoresk auf einer Hügelspitze liegt, kann man sich auf keine „Dolorosa“ für die Karfreitagsprozession einigen. Also kommt eine von außen: Maddalena, eine Prostituierte. Sie erregt sofort Aufsehen wegen ihrer Schönheit. Innerlich ist sie zerrissen, sie fühlt sich der frommen Rolle unwürdig, wird ihr damit aber umso besser gerecht. Der Film arbeitet bewusst mit diesen Paradoxien, dass im italienischen (Feudal-)Katholizismus das Leiden gegenüber der Erlösung wichtiger genommen wird. Nebenbei gibt Genina ein authentisch wirkendes Bild von einem süditalienischen Osterfest in den fünfziger Jahren: der Prozession wegen kommen zahlreiche Leute von außerhalb (ihre Gesänge klingen fast schon afrikanisch), sie schlafen auf dem Dorfplatz auf Stroh, alle warten auf die Prozession.

Ihr Auftraggeber bedrängt Maddalena auch sexuell, sie sorgt im Dorf für Aufsehen, eine Männerclique, die sich immer nur im Cafe trifft und anscheinend mit dem Fest sonst nichts zu tun haben will, geht ihretwegen auch zur Kirche. Die religiöse Dramaturgie legt einen Höhepunkt nahe, den sich der Film nicht entgehen lässt. Zum Termin der Erinnerung an den Tod von Jesus tritt Maddalena (Anspielungen auf die biblische „Sünderin“ sind offensichtlich) an dessen Seite: mit einem „walk of shame“ und einem Opfertod. Der italienische Katholizismus als archaische Religion betrachtet, auch in einer Rückblende, in der das Ritual der Erstkommunion in Flammen aufgeht. Die Schauspielerin Märta Torén starb vier Jahre nach Maddalena im Alter von nur 31 Jahren. (Zeughaus Kino, 35mm, SW-Kopie einer verlorenen Technicolor-Fassung)

Spartacus (Stanley Kubrick, 1960)

Die Geschichte von den aufständischen Sklaven in der römischen Republik beginnt mit den imposanten Landschaftsbildern, bei denen man sich besser nicht fragt, warum Sklaven hier dazu eingesetzt werden, einen Bergrücken abzutragen: Steine finden sich doch überall sonst auch. Auftritt Peter Ustinov (als Sklavenhändler Batiatus), der Spartacus kauft und in seine Gladiatorenschule aufnimmt. Die Kämpfer bekommen gelegentlich eine Frau in die Zelle, so lernt Spartacus Varinia kennen: durch ein Gitter von oben schaut Batiatus bei der vorgesehenen Paarung zu, aber Spartacus verweigert. „I am not an animal.“ Varinia ergänzt: „Neither am I.“

Die Emanzipation setzt sich bei einem Kampf auf den Tod fort, zu dem zwei dekadente Römerinnen sich von Batiatus vier Männer vorsetzen lassen. Woody Strode als Afrikaner Draba hat hier einen großen Moment: er verschont Spartacus, dem schon der Dreispitz an der Gurgel sitzt, und wirft die Waffe gegen die Römer auf der Galerie. (Der Sitting Bull-Moment.) Draba büßt mit dem Leben, er löst aber den Ausbruch aus, mit dem der Weg der Sklaven durch Italien beginnt. Sie errichten am Vesus ein improvisiertes Gemeinwesen, und planen einen Abgang mit Hilfe kilikischer (die amerikanische Originalfassung hört sich an wie „silesian“, das wären aber schlesische) Piraten, die Schiffe für eine Passage in ein freies Land bereitstellen sollen (Herbert Lom spielt den Dealer Tigranes Levantes, der fast noch dekadenter als Batiatus ist).

Die Geschichte springt zwischen den Sklaven und den Römern hin und her. Dem Bewusstseinsprozess von Spartacus widmet der Film wenig Aufmerksamkeit, er ist einfach wie von selbst der Anführer der Sklaven, und er kommt – vielleicht begann wirklich alles mit der „Zooszene“ – Varinia näher. Schön ist, wie sich der erste Kuss mit einem Wissensmotiv verbindet: Freiheit bedeutet Erkenntnis.

Crassus bekommt einen Sklaven namens Antoninus, der ihn dem Rücken wäscht und auf Nachfrage, was er außer Singen noch kann, arglos antwortet: Ich kann jonglieren. Antoninus braucht erst die richtige Umgebung, freie Menschen, um seine Talente alle zusammenzuführen. In der Spannung zwischen Laurence Olivier und Charles Laughton ist das ganze Hollywood-Rom enthalten, der eine nobel, der andere schlaff. Der Schlaffe fädelt dann aber die Freiheit für das Spartacus-Baby ein: für die Saat, von der der noble Straffe besessen ist. Er fürchtet an Spartacus vor allem die Legende, deren Teil er in diesem Supersandalenfilm natürlich längst ist. So fährt Varinia am Ende die gekreuzigten Sklaven ab wie eine Parade von Opfern (lauter heidnische Christuspräfigurationen), die historisch mit großer Verzögerung von fast 2000 Jahren wirksam wurden. Bei den Zwischenschnitten auf die in der Spartacus-Armee erlösten Geschundenen ist jede Menge Kitsch dabei. (Arsenal, 70mm-Projektion)

Der Postmeister (Gustav Ucicky, 1940)

Das sentimentale Monster Heinrich George in einer Paraderolle als Papuschka in der russischen Provinz („in einer gottverlassenen Gegend“). Vom Leben ist ihm nichts geblieben als die Erinnerung an seine Dunja. Der Fähnrich Mitja (Hans Holt) eröffnet die Rückblende: „Ein Anderer war hier.“ Der Andere war der Rittmeister Minskij, der sich „frisches junges Blut“ nicht entgehen lässt, obwohl er nur vor hat, „von der Blüte zu naschen“. Er nimmt Dunja mit nach St. Petersburg, wo sie rasch zu einer Kokotte wird, dann aber auch bald wieder nach einem anständigen Leben sucht. Ihr „Ausstieg“ wird tragisch verhindert durch den Besuch des Vaters, dem ein Gerücht zu Ohren gekommen ist: er kommt nach St. Petersburg wie eine Naturgewalt, im letzten Moment kann sich der Rittmeister zumindest in Ansätzen rehabilitieren, indem er eine Hochzeit mit Dunja spielt.

„Schuldlos war sie in dieses Leben geraten“, am Ende fällt das (falsche) Urteil über sie: „Jetzt gehörst du wirklich zu uns.“ Sie vollstreckt das Urteil selbst an sich, nicht ohne sicher zu stellen, dass dem Papuschka eine schützende Legende übermittelt wird. Dieser wienerische Nazifilm (bis auf George haben alle die einschlägige Sprachfärbung) verband einen Schollenmythos mit einer stark sexualisierten Dekadenzgeschichte (man sieht einmal sogar eine Nackttänzerin, naturgemäß eine „Zigeunerin“). Dunjas Tod ist schließlich „unser aller Schuld“. Es ist letztlich Georges „Unschuld“, die um jeden Preis bewahrt werden muss. Die Tochter opfert sich dafür. (Datei)

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