Filme und Folgen (7)

Notizen: Dezember 2018

Soldados (Manuel Abramovich, 2017)

Juan José González meldet sich zur argentischen Armee - weil er Arbeit sucht, weil er seine Mutter glücklich machen will, außerdem meint er, dass es ihm gefällt („me gusta“). Er muss durch das Basic Training, von Beginn an aber geht es auch sehr stark um Musik. Er wird Trommler in der Militärkapelle, und manchmal geht es bei den Proben und während der Freiheit geradezu gefühlig zu, wenn Kollegen zur Gitarre von „Erinnerungen an Lagerfeuer, mit Matetee“ singen. Manuel Abramovich filmt den Weg von Juan José zur Vereidigung in der für ihn typischen „unsichtbaren“ Weise, mal von oben auf das Exerzierfeld (mit ausgeklügeltem Ton), mal diskret von der Seite während des Unterrichts. Bei einem Besuch bei der Familie schaut Juan José einer anderen, nicht-militärischen Parade zu, eine kleine Reminiszenz an Abramovichs Film La reina. Die Verabredungen der „embeddedness“ werden nicht expliziert: der junge Mann ist ein Bressonscher (also nicht gerade übermäßig expressiver) Held in einer Institution, von der man eigentlich nicht das Gefühl hat, dass großer Druck herrscht. (Stream vom Filmemacher)

Das schönste Land der Welt (Zelimir Zilnik, 2018)

Als Haidar Ali Mohammadi zum ersten Mal die U-Bahn in Wien benützt, da denkt er an ein Bergwerk. Wo ein Tunnel ist, da müssen doch Bodenschätze sein. Sein Enkel Bagher verweist ihn auf den eigentlichen Zweck: In Wien fährt man unter der Erde von einem Ort zum anderen, und niemand muss sich darüber Gedanken machen, welche Macht der Erde sich die Ressourcen unter den Nagel reißt. Das ist nämlich der nächsten Gedanke, den Haidar in diesem Moment hat. Er denkt an die reichen Länder, die in Afghanistan die Minen ausbeuten: Amerika und China. Sein Land ist eine Kolonie. Er will trotzdem zurück. Er ist nur aus einem Grund - illegal - nach Österreich gekommen: er will dafür sorgen, dass Bagher eine anständige Frau heiratet. In seiner Kultur ist das Aufgabe der Männer, dass sie für die Nachkommen eine Ehe arrangieren. Bagher gerät durch den unerwarteten Besuch seines Großvaters in eine heikle Situation: denn er ist zwar erst seit 2015 in Österreich, aber schon gut integriert. Er hat auch eine Freundin, die entspricht aber nicht den traditionellen Ansprüchen. Also muss eine kleine Komödie inszeniert werden, um afghanische Sitten und österreichische Lebenswirklichkeit zusammenzuführen.

Dass ausgerechnet der serbische Filmemacher Zelimir Zilnik diese Geschichte in seinem Film erzählt, macht viel Sinn: Denn Zilnik war schon ein aufmerksamer Chronist der Geschehnisse auf der Balkanroute, als dieser Begriff noch gar nicht allgemein gebräuchlich war. Das reiche Mitteleuropa stand aber immer schon in einem regen Verkehr mit Südosteuropa, wovon man gerade in Österreich Geschichten sonder Zahl erzählen könnte. Nun weitet sich der Blick von Zilnik auf Menschen, die im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 ins Land gekommen sind. Bagher kommt in einer Wohngemeinschaft mit anderen jungen Männern unter, in ihren Gesprächen tauchen immer wieder Erfahrungen auf, die man in der Behördensprache als Fluchtmotive bezeichnen würde.

Zilnik arbeitet mit einer im weitesten Sinn dokudramatischen Methode, wie er sie etwa in einer Trilogie um den kosovarischen Rom Kenedi schon erprobt hat. Bagher und seine Freunde und auch sein Großvater „spielen“ sich selbst, sie machen ihr Leben für den Filmemacher zugänglich, der mit ihnen gemeinsam daraus einen minimalen Plot entwickelt. Viele Aspekte des Alltags von Migranten werden beiläufig gestreift, nicht von ungefähr spielt das Geschlechterverhältnis eine wichtige Rolle, es ist allerdings keineswegs so, dass hier ein alles trennender kultureller Unterschied auszumachen wäre. Zilnik lässt auch einige Frauen auftreten, die erstaunt zur Kenntnis nehmen, wie ihre modernen österreichischen Geschlechtsgenossinnen den Traum vom Märchenprinzen ad acta legen: man braucht halt manchmal vier Männer für einen richtigen. Dass die männlichen Flüchtlingen auch als „lady boys“ gebraucht werden können, wir en passant erwähnt.

Das schönste Land, singt am Ende ein Chor, ist eines, in dem „Leben und Freiheit, Freude und Hoffnung“ gedeihen. Das kann auch Österreich sein, wenn es seine privilegierte Lage nicht unter den liegenden Teppich des Ressentiments kehrt. (Stream vom Filmemacher)

The Comedy and Tragedy of Bora Joksimovic (Zelimir Zilnik 1977/1981)

Die offizielle Filmographie gibt 1977 an, das mir vorliegende Video nennt das Jahr 1981. Der halbstündige Film entstand im Zusammenhang der Ekipa Televizije Novi Sad. Bora Joksimovic ist ein Mann in Rente. Früher hat er für das Nationaltheater Zrenjanin als Heizer gearbeitet. Aus der Glut liest er ausufernde Fantasien, mit seinen visuellen Visionen kann er nichts anfangen, er sieht sich als Autor, sein Medium ist die Sprache. Die beiden Grundgattungen Komödie und Tragödie werden jeweils an einem Beispiel vorgestellt. Die Komödie trägt den Titel Mädchen, bedecke deine Beine. Der Dokumentarfilm über Bora Joksimovic enthält eine Realisierung der Komödie als Fernsehfilm, wobei der Autor auch Teil seiner Fantasie ist, er lebt und wirkt in ihr. In der Komödie ist Bora ein Rentner namens Milan, der daheim sitzt und Zeitung liest. Seine Frau lässt junge Frauen kommen, die ihr die Karten legen. Bora sieht sich als Verteidiger dieser jungen Frauen, die im Park von einem Vergewaltiger überfallen werden, den er in die Flucht schlägt. Ein Dichter kommt ins Schlafzimmer von Milan und trägt ein Gedicht über Frauenbeine vor. Die Wahrsagerinnen turnen im Ehebett herum. Im Grunde führt Zilnik diesen Bora vor, indem er sein Trivialstück realisiert. Der alte Lustmolch als Held der jungen Frauen. Auch die Tragödie ist stark von sexuellen Motiven geprägt: My Brother’s Killer. Milan zwischen zwei Brüdern, einer ein Draufgänger, der andere ist schüchtern und gebildet. Wieder eine Vergewaltigungsfantasie, die Zilnik allerdings durch einen hochkomischen Schwenk als fiktional ausweist: der Vergewaltiger bringt eine junge Frau in ein Zimmer, dann geht die Kamera nach links, und da sitzen ein paar alte Leute und schauen sich das alles an (sie sind als Fernsehpublikum in der Szene selbst präsent), eine Frau schlägt die Hände vor die Augen vor Entsetzen. Der Bruder tötet den Bruder. Bruderzwist als uraltes tragisches Motiv, hier in einer trivialen Version. Das letzte Wort lautet: „Komplikationen“, seltsame Formulierung von einem Vergewaltigungsopfer. (Datei)

Maniac 1.1-10 (Cary Joji Fukunaga und Patrick Somerville, 2018)

„It begins like this“: eine Erzählerstimme, eine Amöbe, Urknallbilder. Dann Owen, der eine Frage beantworten soll: „Do you know, what is real?“ Owen ist Mitglied einer Familie mit preppigen Buben, man spielt gemeinsam Balderdash, aus dem Ölbild, auf dem alle drauf sind, ist er durch ein Extrabild daneben ausgeschlossen - auch medienhistorisch: das Bild von Owen ist eine Fotografie. Seine designierte Schwägerin Adelaide (ein Wiedersehen: Jemima Kirke, eines der vier Girls) will seinen Bruder erst dann heiraten, wenn sie Owen endlich hineingemalt haben. Der New Yorker Realismus (ganz normale U-Bahn-Bahnsteige) bricht sich in kleinen Gimmicks (der dog shit robot, der ganz am Ende wieder auftaucht), die biotechnologische Zukunft ist japanisiert, damit also historisiert, denn das verweist ja zurück in die 80er Jahre, wie auch die Zigarette, die Azumi lasziv vor den Probanden raucht. Neberdine ist der Konzern, der das Experiment durchführt, für das Owen sich qualifiziert. „You qualify as a hero.“ Heldentum heißt: der Familie davonrennen, indem man sich einem dubiosen Totalkonzern als Proband zur Verfügung stellt. Der Großrechner ist als Mutter programmiert und sucht nach sich selbst. Die inneren Landschaften (Gangsterland, Fantasyland, Iceland) nerven, auch die vielen Gesichter und Rollen für Jonah Hill. Das hat Charlie Kaufman alles viel besser gedacht und gemacht. Interessant ist allenfalls, wie die Serie mit dem Status von Bewusstseinstatsachen spielt: da in Maniac ja alles gleichermaßen wirklich und unwirklich ist, hat man die ganze Zeit das Gefühl, in einer niemals fertig gewordenen Welt zu sein. Das Gefühl von Unwirklichkeit, das kriegen Cary Joji Fukunaga und Patrick Somerville gut hin. Die Serie bleibt aber eine Designerpille. (Netflix)

Dogs of Berlin 1.1-10 (Christian Alvart)

Ich war ein wenig nervös, denn die Presse hatte nur vier Folgen zu sehen bekommen, und ich hatte nach einem Interview mit Christian Alvart, den ich als klug und sympathisch erlebte, ziemlich intensiv berichtet. Die restlichen sechs Folgen und somit die erste Staffel von Dogs of Berlin gehen dann doch hart an die Grenze des Vertretbaren. Alvart bietet alles auf, was in Berlin für Action sorgen könnte: eine rechtsradikale Gruppe in Marzahn, die sich nicht so recht zwischen Lächerlichkeit und Ingrimm entscheiden kann; eine Rockertruppe, die direkt aus den Barbarenserien zu stammen scheint; eine No Go-Area, in die die Polizei schließlich mit einem Panzertruck fährt, der wie eine unbewusste Reaktionsbildung auf den Anschlag am Breitscheidplatz wirkt. Die Illegalität (Drogen, Wettmanipulation) wird in Dogs of Berlin unübersehbar orientalisiert, wobei der Orient eben schon in Kroatien anfängt, und dann allmählich bärtiger und dunkler wird. Da hilft es auch wenig, dass Alvart natürlich die ganze Geschichte mit Kompensationen durchsetzt: der schwule Cop Erol mit türkischem Vater, der (manchmal) sensible Rocker, der in der Prenzlbergerin die submissive Lust weckt (Sex auf dem Ladenboden), der für Bildung noch nicht verlorene Rapper. Dogs of Berlin ist, auch mit dem mehrfach als Karotte vorgeschalteten Bürgerkriegs-Terror-Bildern (Rauchschwaden über der „explodierten“ Hauptstadt?), ein Übertreibungsszenario, das seine Qualitäten in manchen Details, vor allem aber in der Dramaturgie hat. Alvart ist kein guter Erfinder, aber ein famoser Erzähler. Die Doppelspitze mit den beiden Cops Grimmer und Birkan dient ihm schließlich zu einer Zuspitzung, die unser bequemes Vertrauen auf die rechtsstaatlichen Prozeduren auf eine spannende Identifikationsprobe stellt: ein bisschen Dirty Harry für Buschkowskystan. Die letzte Minute, der letzte Satz: grandios. (Netflix)

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