"Dessen kann ich mich entsinnen"

Filmgeschichte: "Lebens-Geschichte des Bergarbeiters Alphons S." (1978)

Einfacher kann man eine politische Sozialisation kaum beschreiben: „Der Marxismus ist durch mein Leben zu mir gekommen“, sagt Alphons Stiller an einer Stelle des 4. Kapitels in dem Interviewfilm von Christoph Hübner und Gabriele Voss. Der Satz enthält im Wesentlichen die beiden Aspekte, die dieses lange Gespräch zu einer so herausragenden, auch historiographischen Quelle machen. Der Marxismus tritt in das Leben von Alphons Stiller als eine Möglichkeit zur Reflexion. Aber in dem Maß, in dem der Marxismus dogmatisch sein kann (und in dem er häufig verfochten wurde), braucht es ein Leben mit seinen Erfahrungen, um ihn nicht zur Ideologie werden zu lassen.

Der Alphons Stiller, der mit den beiden jungen Filmemachern auf sein Leben als Bergarbeiter (Steiger), Wandertaglöhner (Tippelbruder), landwirtschaftliche Hilfskraft (Schnitter) und Arbeitsloser zurückblickt, ist sich der Deutungsmöglichkeiten aus der politischen Theorie bewusst, in erster Linie aber ist es eine Interpretation aus einer einzigartigen Lebenserfahrung heraus, die wiederum auf einer bemerkenswerten Gedächtnisleistung beruht.

Ungefähr 22 Stunden haben Christoph Hübner und Gabriele Voss mit Stiller gedreht, und daraus einen (Fernseh-)Film in acht Kapiteln geschnitten, die jeweils gut eine halbe Stunde lang sind. Die Zeit, von der Stiller erzählt, erstreckt sich über beinahe die ganze erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, und über zwei Weltkriege. Erst in der Bundesrepublik konsolidieren sich die Verhältnisse auch für ihn soweit, dass er das Bio-Interview in einer behaglich wirkenden, bescheidenen Wohnumgebung machen kann, von der die beiden Filmemacher mit ihrem niemals abschweifenden Bildausschnitt nur eine Andeutung vermitteln. Alphons Stiller spricht über sein ereignisreiches Leben mit dem Bewusstsein eines Menschen, der immer schon nach Möglichkeiten des Verständnisses gesucht hat, der nun aber von der Warte eines undogmatischen Sozialisten aus auch die Gegenwart als Deutungshorizont ausdrücklich miteinbeziehen kann.

Ein Zeitzeuge erzählt immer von mehreren Dingen zugleich: von sich selbst zu dem Zeitpunkt, da er spricht; von sich selbst als die Person, an die er sich erinnert; von den zeitgenössischen Umständen zu dem Zeitpunkt, von dem er gerade spricht, und von der Sprechergegenwart, die den Horizont für das Erinnerung bildet. Jedes Bild von der Vergangenheit ist durch die Gegenwart geprägt, in der jemand spricht. Die Erinnerung wird laufend auf den neuesten Stand der biographischen Erfahrung gebracht.

Das wesentliche Medium, in dem Alphons Stiller sich erinnert, ist in dem Film von Christoph Hübner und Gabriele Voss die gesprochene Sprache. Wir sehen ihn sprechen, dadurch entsteht ein Vertrauensverhältnis - er wirkt glaubwürdig nicht zuletzt durch die Art und Weise, wie er spricht. Man merkt an Kleinigkeiten immer wieder, dass er um sorgfältiges Formulieren bemüht ist, und dass er sich der Erinnerungsdistanz bewusst ist.

Schon die erste wichtige Sequenz des Films macht dies deutlich. Sie betrifft den frühen Tod der Mutter. Alphons Stiller wurde 1906 im Saarland geboren. Der Vater war Bergmann, fiel als Versorger der Familie allerdings teilweise aus, weil er ein „Trinker“ und ein „Luftikus“ war, der viel Geld im Wirtshaus ließ. Vor diesem Hintergrund muss man sehen, was Stiller als bemerkenswert hervorhebt: „Es gibt kein Bild von meiner Mutter.“ Das ist eine sachliche Feststellung, in der allerdings viel mitschwingt: die Armut der Familie, die zu dem bürgerlichen Medium der Fotografie kaum Zugang hat, das „nackte Leben“ einer Frau, die auf elementare Erwerbsformen angewiesen ist, um sich und die Kinder (es gab noch eine Schwester) durchzubringen. Der Tod der Mutter hat dann auch direkt mit dieser Arbeit zu tun. Sie erkältet sich beim Einbringen der zweiten Heuernte im Herbst (den einschlägigen Begriff „Grummet“ verwendet Stiller ausdrücklich, so wie er oft Wert auf das Vokabular legt), und bekommt eine Lungenentzündung.

Der Tod der Mutter verbindet sich für Stiller mit einer Szene, die sich ihm tief eingeprägt hat, wohl auch deswegen, weil sich für ihn damit ein anderes Kindheitsmotiv verband: Er war zu einer Nachbarin gebracht worden, weil die Kinder angesichts der lebensbedrohlichen Erkrankung der Mutter als „störender Faktor“ empfunden wurden. In der Wohnung dieser Nachbarin sieht er an dem Morgen des Tages, an dem seine Mutter stirbt, Zigeuner vorbeigehen. Stiller erzählt das im Präteritum der klassischen Erzählform: „Draußen gingen Zigeuner vorbei.“ Die Nachbarin (die davon offensichtlich auch Notiz genommen haben muss) baut die Zigeuner in eine pädagogische Drohung ein: sie würden den kleinen Alphons mitnehmen, wenn er sich nicht mit den Anziehen beeilen würde. „Ich muss wohl früher beim Aufstehen ein schwieriges Kind gewesen sein“, erinnert sich Stiller, wobei man dabei sowohl an vergleichbare, denkbare frühere morgendliche Konflikte mit der Mutter denken mag, als auch an eine Andeutung familiärer Intimität. Und nun fasst Stiller zusammen: „Das ist sozusagen der Eindruck, den ich an dem Tag hatte, als meine Mutter gestorben ist. Dessen kann ich mich entsinnen.“

Das Wort „Eindruck“ ist hier äußerst passend. Denn tatsächlich hat sich Stiller hier etwas eingeprägt, was er mit der Tatsache des Todes der Mutter (den er nicht selbst erlebt hat) verbunden hat. Die Szene, wie er sie schildert, hat beinahe die Qualität novellistischer Verdichtung (was wiederum eine Rückfrage lohnen würde, inwiefern Stillers Sprechen vielleicht auch durch Lektüre von Literatur „geschult“ gewesen sein könnte). Das Kind, das am Fenster steht, die Zigeuner sieht und einen Tadel von der Nachbarin bekommt, während daheim (wo Alphons gerade nicht ist) die Mutter stirbt, diese Verbindung von Umständen zeigt auch, dass Erinnerung häufig Aspekte von Montage hat - um nicht zu sagen: dass sie filmische Qualität schon in der sprachlichen Erzählung gewinnt.

Zwei Aspekte zeugen weiters von Stillers großer erzählerischer Begabung und von seiner impliziten Reflexion auf das, was in diesem Bio-Interview geschieht. Er versucht häufig, so konkret wie möglich zu erzählen, und sucht nach anschaulichen Details. So spricht er zum Beispiel von einer „glänzenden Bahn auf dem Unterarm“. Diese entsteht, wenn arme Leute den Ärmel ihrer Jacke benützen, um sich die Nase abzuwischen - in Ermangelung, könnte man weiterdenken, eines bürgerlichen Requisits wie eines Taschentuchs.

Stiller gelangt auch immer wieder zu kleinen Erzähleinheiten, die weit über den Charakter von Anekdoten hinausgehen, sondern bei denen zu erkennen ist, dass es ihm um relevante und typische Geschehnisse geht. Diese erzählt er dann mit großer narrativer Kompetenz, wie zum Beispiel an einer Stelle deutlich wird, an der es um einen Diebstahl von Kriegsanleihen während des Ersten Weltkriegs geht. Stiller vergibt hier sogar Figurennamen („Wollen wir ihn Erich Koch nennen“), womit er eine Strategie aus dem Reportagejournalismus aufgreift. Und am Ende zieht Stiller gekonnt ein generalisierendes Fazit: „Das waren so Dinge aus dem Ersten Weltkrieg, wie Kinder die Zeit verbracht haben.“

Nicht immer bringt die Zeit, die seit damals vergangen hat, eine Horizonterweiterung, die ihm die Erlebnisse vielleicht noch einmal neu aufschließen könnte. So merkt man zum Beispiel der Geschichte von dem Sohn eines Müllers an, dass Stiller sie weitgehend auf dem Stand von damals „gespeichert“ hatte. Dieser junge Mann nahm sich „mit der Flobert“ das Leben. Stiller lebte drei Jahre mit dieser Familie, und las offensichtlich viele der im Haushalt vorhandenen Bücher, vor allem von Karl May, aber auch „eine ganze Reihe von einem Arzt, Doktor Hirschfeld“, der später „von den Nazis verboten wurde“. Dass dieser Müllerssohn die Bücher von Magnus Hirschfeld gelesen hat, bildet zumindest ein denkbares Motiv für seinen Selbstmord: er könnte unter einer Homosexualität gelitten haben, die er nicht preisgeben konnte, und die sich jedenfalls auch Stiller nicht erschloss. „Ich weiß nicht, was er (der junge Mensch) hatte werden wollen.“ Hier liegt ein gutes Beispiel für eine Erinnerung vor, die eigentlich durch späteres Wissen einer neuen Interpretation zugänglich wäre, auf die Stiller aber nicht aktualisierend zurückkommt.

Die Jugend und die frühen Erwachsenenjahre von Alphons Stiller sind geprägt von harter Arbeit und immer wieder auch von großen Schwierigkeiten, sich durchzubringen. 1925/26 ist er auf „Tippelei“, das heißt, er wandert herum und sucht auf diese Weise nach Erwerbsmöglichkeiten. Er unterscheidet diese Lebensform ausdrücklich von der „Walz“ der Handwerksburschen, denn „Romantik passte (in die Tippelei) nicht hinein“. Er gehörte in dieser Zeit zum „Strandgut der Gesellschaft“ und lernte in Berlin auch eine „Halbunterwelt kennen“. Mit seinen politischen Ansichten ist Stiller in dieser Zeit „linksradikal“ - wobei er das im Rückblick durchaus auch seiner Jugend zuschreibt („meinem Alter entsprechend war ich so auf die Aktion aus“). Bezeichnenderweise deutet er diese Radikalität vor dem Hintergrund politischer Umstände in seiner Sprechergegenwart. Zu den „Baader-Meinhof-Leuten“ sieht er Parallelen insofern, als auch für ihn damals alles um Aktion ging. Als „Außenseiter der Gesellschaft“ hatte er damals „nichts zu riskieren“, d.h. nichts zu verlieren. „Wenn der Spanische Bürgerkrieg in diese Zeit gefallen wäre, hätte ich dort gekämpft.“

Berlin spielt in den Geschichten, die die Menschen auf der Tippelei austauschen, eine große Rolle. Und Alphons Stiller macht, als er schließlich selbst in die Stadt kommt, vergleichbare Erfahrungen: „Ich bin auch von Berlin nicht enttäuscht worden. Man konnte in Berlin nicht auf den Hund kommen.“ Eine Armenausspeisung in der Ackerstraße wird pointiert als „Schrippenkirche“ bezeichnet, auch das ein Beispiel für die Genauigkeit, mit der Stiller den Wortschatz seiner Zeit im Gedächtnis bewahrt hat.

Von Berlin aus kommt Stiller nach Mecklenburg-Vorpommern, wo er auf den Gütern in der Landwirtschaft arbeitet. Eine der Frauen - eine „Tippelschickse“ - wird seine erste Ehefrau. Die große Liebe war das eher nicht, jedenfalls hat Stiller die Sache anders im Kopf: „war halt ne junge Frau, sie war zu haben, na ja“.

In den Jahren nach 1930 wird Stiller mit der wachsenden Bedeutung der Nationalsozialisten politisch heimatlos. Denn durch die ideologische Polarisierung verlieren die Gruppen „links von der KPD“ an Bedeutung. Man kann aus dieser Bemerkung noch einmal ersehen, wie radikal er in den 20er Jahren gedacht haben muss. Und noch in der Rückschau auf den Aufstieg der Nazis behält Stiller eine linksradikale Position bei und kritisiert vor allem die SPD, der er „ein gehöriges Maß an den 50 Millionen Toten“ attestiert - „weil sie ja die stärkere Kraft war“, und diese Kraft aber vor allem gegen die Bruderpartei der KPD wandte. Die SPD trifft die größere Schuld, weil sie „die größeren Mittel gehabt hätte“, die Katastrophe zu verhindern.

Stiller äußert dieses Urteil mit intellektueller wie mit moralischer Autorität. Seine Erfahrungen im Lauf des Lebens haben ihn in seinen Analysen bestätigt, er war aber trotzdem offensichtlich in der Lage, sich nach dem Zweiten Weltkrieg in die bundesrepublikanische Gesellschaft zu integrieren, als eine Art innerer Dissident. Aus seinem Bio-Interview spricht ein unabhängiger Geist, der durchaus so etwas wie einen Bildungsroman durchlaufen hat, und der dabei zu einer Persönlichkeit wurde, die sich nicht zuletzt dadurch auszeichnet, dass er in der Lage ist, von sich als Teil einer Welt zu erzählen, die ihn nicht determiniert, aus der er sich aber auch nicht naiv ausnimmt. So ist er zuletzt sogar in seiner Erzählhaltung ganz auf der Höhe eines kritischen Marxismus, der die Dialektik zwischen Leben und Theorie am eigenen Leib erlebt und begriffen hat.

"Lebens-Geschichte des Bergarbeiters Alphons S." (1978) von Christoph Hübner und Gabriele Voss ist als DVD vom LWL-Medienzentrum für Westfalen herausgebracht worden

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